Religiöse Begabung

Wenn über die Religion sprechen, beschreiben wir meistens bestimmte religiöse Systeme, ihre Geschichte, ihre Psychologie und ihre Verbreiter, wir studieren die religiöse Soziologie, ihre Texte. Dabei lassen wir meistens den Kern der Religion – die Religiosität, im besten Sinne dieses Wortes. So behaupten wir, es reiche gut in verschiedenen Formeln sich auszukennen. Und so verpassen wir gänzlich die Essenz – das was wir als die religiöse Begabung oder „religious-gen“ beschreiben können. Das ist ein Phänomen, der gänzlich unabhängig von der Kultur oder von der Bagage wie Nationalzugehörigkeit, politische oder philosophische Überzeugungen ist. Religiosität  als Phänomen kann man mit  dem musikalischen Gehör vergleichen. Derjenige, der es nicht hat, wird auch sehr wenig davon wissen oder verstehen, was das sein kann. Ein religiös begabter Mensch kann ein glänzender Intellektueller sein, so wie der Thomas von Aquin oder Vater Pavel Florenski, oder auch ein ganz ungebildeter Mensch, wie der Autor von „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“.

Der Kern der Religion (wenn es natürlich um eine theistische Religion handelt) besteht nicht darin, um etwas (wenn auch ALLES!) über Gott zu wissen, sondern nur darin, um Gott zu kennen. Wunderschön beschreibt das Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst zu lieben“: „Im Mystizismus, das eine logische Folge von Monotheismus ist, jeder Versuch Gott rational zu erkennen wird verstoßen und wird ersetzt durch die Erfahrung der Vereinigung mit Gott. Dabei bleibt für das Wissen über Gott weder Platz noch Bedürfnis“. Weiter schreibt Fromm und bezieht sich auf Maimonides, dass wenn auch etwas vom Wissen über Gott bleibt, dann nur das, was Gott nicht ist. Den Christen war das auch von Anfang an bekannt, auch wenn selten befolgt. So kommt ganz am Anfang der Göttlichen Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus ein Gebet in dem Gott mit vier Präfixen „-a“, oder „-nicht“  angesprochen wird. In diesem Gebet sagen wir, dass Gottes Macht „aneikaston“ ist, Seine Herrlichkeit ist „akataleptos“, Seine Barmherzigkeit ist „ametreton“ und Seine Liebe zu den Menschen ist „aphatos“ – was bedeutet, Seine Macht ist unmöglich abzubilden, Seine Herrlichkeit ist unmöglich zu verherrlichen, Seine Barmherzigkeit zu umfangen und Seine Liebe zu den Menschen ist unmöglich in den Worten zu fassen.

Die Rede hier ist nicht davon, dass Gott so allmächtig, dass wir Ihn uns nicht mit unserem Verstand vorstellen kann, sondern nur davon, dass alle Vorstellungen, mentale Konstruktionen, Zahlen und Worte hilflos sind, wenn es um Gott geht. „Non valet lingua dicere, hec littera exprimere“ – Zunge kann nicht erzählen noch die Buchstabe wiedergeben“, wie später im christlichen Westen das hl. Bernard schreiben wird.

Ohne diese tiefe und persönliche Kenntnis von Gott, zutiefst verwurzelt in der menschlichen Seele, das Gefühl das Spinoza auf Latein „de Deo sentire“ beschreibt, kann keine Religiosität geben. Ohne diesem Gefühl kann man nur von einem Selbstbetrug sprechen, über eine Imitation der Religiosität, die den Menschen immer in die Sackgasse führt, wo er nicht mehr Gott, sondern Ritual anbetet, nicht Gott sondern eine bestimmter Konfession dient, nicht Gott sondern bestimmte Bräuche liebt. Genau so eine philosophische, ideologische oder ethische Religiosität führt den Menschen ultimativ dazu, dass in den Zeiten der Versuchungen, Leiden oder Unglück er sich zum hasserfüllten Adept seiner und dem zu folgen der einzig wahren Lehre verwandelt, oder leugnet diese Art der Religiosität, wenn er plötzlich entdeckt ihre Leblosigkeit und Künstlichkeit.

Genau davon schrieb in den 30-en Jahren A.F. Losev. Er beschreibt die Religion als „vor allem ein Leben einer bestimmten Art. Religion ist weder eine Weltanschauung, auch wenn diese Weltanschauung maximal religiös sein kann, noch eine Moral, wenn auch die allerhöchste, noch die religiöse Moral, noch die Sinnlichkeit oder die Ästhetik, auch wenn mit dem feurigen Gefühl des Mystizismus verbunden. Religion ist die Vollendung von Weltanschauung, sie ist die materielle Substanz von Moral, sie ist die reale Befestigung des Gefühls. Diese Vollendung ist vor allem rein physisch und substanziell und immer physiologisch spürbar“. So wie der hl. Augustinus auch schreibt, dass entweder wird der Geist unser Körper mit sich selbst durchdringen und „vergeistigen“, oder der Körper wird den Geist „verfleischigen“.

Gott offenbart sich in den tiefen der menschlichen Seele und erst dann beginnt sich in allem und überall zu manifestieren  – gleichermaßen im Schrei eines Kindes wie in den Strahlen der Sonne. Erst dann lernt der Mensch Gott in allem zu sehen, worauf er seinen Blick richtet. Ein Mensch, der diese ultimative und zutiefst persönliche Erfahrung mit Gott gemacht hat und der persönlich Gott kennt – und nicht etwas (wenn auch ALLES!) über Gott, der wird es wissen, dass seine Religion absolut und nicht exklusiv ist.  Sie ist absolut, weil sie glaubt – auf Latein „credere“ wird vom „cor dare“ – sein Herz zu geben, zu schenken – abgeleitet ist. Das bedeutet mit dem ganzen Herzen und ohne „wenn“ und „aber“ das zu bekennen, woran du glaubst. Das ist der Prozess der „immerwährenden Geburt Christi in uns“, wie der Meister Eckhart das beschreibt.

Vater Georgi Chistiakov 

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Allheilige Mutter Gottes – die große Schweigerin

Was wissen wir über die heilige Jungfrau Maria – die Mutter Gottes? Wie ist ihr immer noch andauernder Dienst an uns Menschen angefangen? Maria, oder genauer Mirjam, lebte in einer kleinen galiläischen Stadt Nazaret. Das war mehr als zwei tausend Jahre her. Sie war ein junges Mädchen, das wartete auf ihre Hochzeit mit dem Mann namens Joseph. Eben in dieser Zeit erschien ihr der Engel Gottes und brachte ihr die himmlische Botschaft: „Du hast die Gnade bei Gott gefunden“. Sie wird bald ein Sohn gebären und wird Ihn Jesus (Gott rettet) nennen. Kurz danach geht Maria in die Bergen von Judäa. Dort lebt ihre Verwandte Elisabeth, die auch ein Kind erwartet. „Gesegnet ist die Frucht Deines Leibes!“, hört Maria als Begrüßung. „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Und Elisabeth fährt fort: „In dem Augenblick als ich Deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ Das ist alles, was wir über diesen Monate wissen, als Maria Jesus unter ihrem Herzen getragen hat. Das Evangelium wirft Licht auf nur ein einziges Moment, nur auf die wenigen Minuten vor der Haustür, wo Elisabeth wohnt. Aber diese Erzählung wird zur einen lebendigen Ikone. Als wir diese Geschichte lesen, können wir sehen, wie Maria und Elisabeth einander umarmen, wie Elisabeth spürt, wie ihr Kind – der zukünftige Prophet und Täufer Johannes – vor Freude in ihr hüpft. Johannes, der 30 Jahre später alle Einwohner von Judäa zur radikalen Umkehr und zur geistlichen Erneuerung rufen wird. Wir sehen, mit wie viel Liebe küsst Elisabeth Maria und begreifen in diesem Moment, das darin eröffnet uns das Wunder des Evangeliums, das wir die Möglichkeit haben, an diesen Ereignissen persönlich Teil zu nehmen, sie zu berühren, zu sehen und zu spüren.

Weiter erzählt uns das Evangelium über die Volkerabzählung, wie Maria und Joseph nach Bethlehem gehen. In keinem Haus wird ein Bett für die hochschwangere Frau gefunden. Es gibt keinen Platz für die heilige Familie. Nicht unter den Menschen jedenfalls. In einer Krippe wird der Schöpfer des Himmels und der Erde geboren. Aber so hat Gott die Welt, nein, uns, Menschen geliebt. Um uns zu retten war Er sogar bereit in einer Krippe geboren zu werden. Denn so hat Gott die Welt geliebt. Nur wenige Monate später muss die heilige Familie wieder auf den Weg. Diesmal muss sie flüchten. Der König Herodes erfuhr von Magier, dass ein Kind geboren ist, das für seine Macht eine Drohung sein sollte. Was für ein Absurd. Als ob der König des Universums, der ihn, Herodes geschaffen hat, Gott, dem er seinen jeden Atemzug verdankt, an seinem irdischen Thron irgendeine Interesse haben könnte. „Das Kind und Maria, Seine Mutter“, wie es öfters im Evangelium wiederholt wird, werden vom Joseph in der Nacht, ohne auf Morgen zu warten, auf einen Esel gesetzt und in Sicherheit in Ägypten gebracht. Wie war das Leben der heiligen Familie in Ägypten erfahren wir gar nicht. Aber die christlichen Eremiten aus dem IV Jahrhundert erzählen eine schöne Legende. Die erste Nacht in Ägypten musste die heilige Familie schon wieder unter dem freien Himmel verbringen. Sie legten sich zwischen den Beinen einen rieseigen Sphinxen. Als dieser Sphinx das Baby Jesus gesehen hat, lächelte er und weil er aus Stein war, blieb dieses Lächeln für immer auf seinen Lippen. Obwohl wir können es uns vorstellen, dass dieser Sphinx, der 3000 Jahre vor Christus gebaut wurde, sehr wahrscheinlich schon von Anfang an gelächelt hat, bleibt diese Legende sehr wahr. Sie wiedergibt die besondere Atmosphäre, in der die antiken Mönche lebten – ein Leben das von real spürbaren Spuren von Christus, von der heiligen Gottesmutter und heiligen Joseph erfüllt war.

„Das Kind und Seine Mutter“ wird am Anfang des Matthäus Evangeliums fünf Mal wiederholt  wie eine eindringliche Einladung für den Leser in die wörtliche Ikone der Gottesmutter reinzuschauen. Eben diese Stellen beginnen die Geschichte der Ikonen der allheiligen Jungfrau, Maria mit dem Kind auf ihren Armen. Eine Frau im Osten lebt immer sehr unbemerkbar. Deswegen hören wir auch die Stimme Marias im Evangelium nur extrem selten. Ihre Anwesenheit im Neuen Testament, wenn man so sagen kann, wird nicht beschrieben, sondern gespiegelt in Christus selbst, in so vielen Dingen, die Er seine Jünger gelehrt hat. So ist zum Beispiel das Gleichnis über die Frau mit dem Sauerteig. Mit diesem Sauerteig vergleicht Christus das Himmelreich, das ähnlich wie das Sauer im Mehl, so das Himmelreich, verwandelt und verändert das ganze Leben. Wie könnte Jesus wissen, was eine Frau macht, wenn sie den Sauerteig macht, bevor sie das Brot backt? Das ist ganz klar. Jahrelang, fast täglich, sah Er Seine heilige Mutter – sie hat es gemacht, die reine und übergepriesene Jungfrau. Und in wessen Händen sah Er die Nadel, die seine Kleidung nähte? Deswegen kann Er den Weg ins Himmelreich mit dem Nadelohr vergleichen und zu sagen, dass es einfacher wäre für ein Kamel durch das Nadelohr durchzukommen als für einen reichen Menschen ins Himmelreich. Oder dass es keinen Sinn macht, ein altes Kleid mit dem Neuen zu stopfen. Beide werden so kaputt.

Auf der Hochzeit in Kana, wo Maria zusammen mit Jesus und Seinen Jüngern eingeladen wird, zeigt sie auf ihren Sohn und sagt nicht nur den Dienern, sondern jedem einzelnen von uns: „Alles, was Er euch sagt, tut das!“ Orthodoxe Theologen unterstreichen immer, dass das die letzten Worte der heiligen Jungfrau und Mutter Gottes im Neuen Testament sind. Mehr als das, sie, die große Schweigerin, spricht nicht auf den Seiten des Neuen Testamentes. Und das ist ihre wichtigste Botschaft an jeden von uns. Was ist ihr Ruf an uns, mit dem sie uns ruft, stehend neben dem Kreuz, im schrecklichsten und schwierigsten Augenblick des Lebens ihres Sohnes, als sie jeden von uns zu ihrem eigenen Kind macht? Sie ruft uns, das zu machen, was Er sagt, das, was Er von uns erwartet und zu was Er uns ruft in Seinem Evangelium…

Allheilige Mutter Gottes "Die Retterin der Verlorenen"

Allheilige Mutter Gottes „Die Retterin der Verlorenen“

 

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Trage dein Kreuz

„Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“, spricht der Herr (Mt 10,38).

Jeder von uns, jeder einzelner Mensch trägt sein Kreuz – ob bewusst oder unbewusst. Dieses Kreuz wird für uns entweder das Zeichen unserer Erlösung und Verklärung unserer irdischen Natur – Theosis, oder eine sinnlose Last, unter die wir uns früher oder später zusammenbrechen. Es gibt ein unbeschreiblich großer Unterschied zwischen den Leiden, die uns heil bringen – so wie beim notwendigen ärztlichen Angriff, und den sinnlosen, selbsterwählten Leiden, die unser Leben vergiften und zerstören.

Gott, unser himmlischer Vater, der uns mehr liebt als wir uns selbst lieben können, legt nur das auf unsere Schulter, was wir tragen können und was für uns und unserem Heil notwendig ist. Aber wir machen öfters alles, um diese Last zu erschwären. Eine Geschichte erzählt über einem Menschen, der meinte, das Kreuz, das Gott ihm anvertraut hat zu tragen, zu schwer sei. Er hat viel darum gebetet, Gott möge ihm diese Last erleichtern. In einer nächtlichen Vision sah er sich im Himmel. Ein Engel kam zu ihm und führte ihn in eine Kammer, die voll mit verschiedensten Kreuzen war. Da gab es große und kleine Kreuze, schwere und leichte. Der Engel sagte ihm, er möge für sich ein Kreuz selbst aussuchen. Der Mann suchte und suchte bis er ein winziges Kreuz, das kleiner war als all die andere, gefunden hat. Und sagte dem Engel: „ich möchte dieses haben!“ Worauf der Engel entgegnete: „Das ist aber eben dein Kreuz!“

Ein Christ, der Nachfolger und Jünger Christi, trägt jedoch sein Kreuz nie allein. So wie der hl. Simon, er hilft Christus Sein Kreuz zu tragen, das ihm und der ganzen Welt zur Erlösung dienen wird. Und so hilft auch Christus Seinen Kindern ihre Kreuze zu tragen – die auch für ihr eigenes Heil und das Heil der ganzen Welt ihnen anvertraut wurden. Damit nehmen sie Teil an Seinen Leiden, an Seiner Erlösung und schließlich auch an Seiner Herrlichkeit.

Was unser Kreuz immer wieder unnötig beschwärt sind unsere selbsterwählten Leiden. Ihre Ursache ist meistens nur die eine: wir erzwingen etwas von Gott und vom Leben was für uns nicht gemeint ist und was für uns schlecht ist. Das erschwärt den Weg, den wir gehen müssen. Statt uns im grenzenlosen Vertrauen Gott hinzugeben, meinen wir immer wieder, Gott gibt uns etwas nicht, was für uns gut sein soll und wir stürmen die Himmel, bis wir das bekommen haben. Und dann zeigt es sich, dass alles was wir davon haben, ist nur Leiden – unnötigen und sinnlosen Leiden, die uns auf dem Weg nur stören und keinerlei helfen.

Und so lehrt der hl. Nil von Sorki: „Bete immer mit den Worten: „Dein Wille geschehe in mir!“ Als ich gebetet habe, betete ich häufig für die Dinge, die mir als gute erschienen waren und hartnäckig und unvernünftig zwang ich Gott mir diese Dinge zu geben, ohne Ihm die Möglichkeit zu geben, alles nach Seinem Willen viel besser zu gestalten, als ich mir das in meinem Herzen und in meinem Verstand vorstellen kann. Und als ich das bekommen habe, wovon ich so eifrig Gott gebetet habe, wurde ich später von Trauer und Leiden erfüllt, warum habe ich bloß darum gebetet, dass meinen und nicht Seinen Willen erfüllt wird, weil das was ich haben wollte und bekommen habe, war gar nicht das, wie ich mir das vorgestellt habe und was ich davon erwartet habe“.

Es ist tatsächlich eine enorme Gnade Gottes und ein von besten Beweisen Seiner Liebe zu uns, wenn wir nicht das bekommen, was wir wollen. Nicht weil Gott uns die gute Dinge nicht geben möchte, sondern weil die Dinge, die wir haben möchten gar nicht gut für uns sind und weil Er uns nur bessere Dinge geben will und täglich gibt. Wie im Bußkanon des hl. Andreas von Krita geschrieben steht: „Du, Seele, würdest eine ganze Säule deiner eigenen Leidenschaften und Lüsten auf dich legen, wenn dein Schöpfer deine Pläne nicht verhinderte und deine Anfänge nicht zerstörte“.

Das Kind Gottes lernt mit den ersten Schritten der Nachfolge Christi, mit den ersten Stunden seiner Jüngerschaft beim Christus Jesus grenzenloses und bedingungsloses Vertrauen an Gott. Die Befreiung von eigenem „ich“ und von der Notwendigkeit sein eigenes Leben zu kontrollieren und zu gestalten. Die Botschaft Gottes ist ganz klar: wir können unser Leben nicht kontrollieren. Deswegen dürfen wir voll Freude auf die Feldlilien und Vögel im Himmel schauen und zu wissen, dass Gott unser Vater tatsächlich weiß was wir im Leben brauchen und wird es uns auch immer geben. Christus zu folgen hat die Bedingung alles zu verlassen und sich von allem loszulassen. Und dann können wir mit Freude das Kreuz tragen, das Gott für uns in Seiner Liebe und unendlicher Weisheit vorbestimmt hat. Denn, wie Christus es uns verspricht: „Sein Joch drückt nicht und Seine Last ist leicht“ (Mt 11,30).

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Weltuntergang – Heute!

Ich bin heute früh aufgewacht und musste zu meiner Enttäuschung feststellen, dass die Welt nicht untergegangen ist. Sie hat sich nicht einmal verändert. Das war genau so eine Welt wie gestern. Nicht dass ich mir eine große Hoffnung mit dem Weltuntergang gemacht habe. Aber eine kleine Hoffnung, irgendwo tief in mir schon. Und ich weiß, dass genau so ging es auch vielen anderen Freunden und Menschen, die ich kenne und die ich nicht kenne.

In vielen von uns lebt diese tiefe Sehnsucht nach einem neuen Anfang. Wie wäre es, heute aufzustehen und festzustellen, dass nichts beim Alten geblieben ist? Dass alles neu geworden ist? Dass alles, was Gestern war, eine Geschichte ist und drängt sich nicht wie ein unwillkommener Gast ins Heute rein? Aufzuwachen mit einem Gefühl, dass alle Karten neugemischt wurden, dass wir heute ein gänzlich neues und unbeschriebenes Kapitel des Lebens schreiben dürfen. Das Alte ist vergangen und eine tiefe Kluft trennt Gestern und Heute von einander, sodass die Vergangenheit keine Einfluss auf die Gegenwart und die Zukunft mehr haben kann? Nicht viele Menschen haben ernsthaft auf 21.12.2012 gehofft. Aber viele hoffen auf die Möglichkeit diesen neuen Anfangs.

Als orthodoxe Christen glauben wir an die eschatalogischen Zeiten. Dass wir in einer eschatalogischen Zeit leben. Deswegen brauchen wir nicht auf ein bestimmtes Datum zu warten. Die unbeschreibliche Kraft der evangelischen Botschaft verkündet uns, dass wir heute, Jetzt, frei werden können und unser Leben vom leeren Blatt wieder anfangen. Das hat schon der hl. Apostel Paulus vor knapp 2000 Jahren geschrieben: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ (2 Kor 5,17). Das Alte ist vergangen. Neues ist geworden. Oder besser übersetzt: „Alles ist neu geworden“. Das ist die Botschaft Christi und Sein Werk. Das ist eine Hoffnung und ein Geschenk, dass kaum Menschen auf dieser Erde sich zu wünschen wagen. Und dennoch ist dieses Geschenk für jeden da. Und dieses Geschenk ist frei. Christus hat für uns mit Seinem kostbaren und heiligen Blut bezahlt. Damit wir heute, wenn wir es nur wollen, alles von Vorne, alles neu anfangen können.

Wir brauchen dafür sehr viel Mut, Standhaftigkeit, Kraft. Das bequeme am Weltuntergang wäre, dass unser Tisch für uns gereinigt wurde. Aber das passiert nicht und wird wohl auch nie passieren. Wir sind Sklaven der Sünde, der Leidenschaft, der Welt. Gott sagt uns jedoch, dass wir frei werden können, wenn wir es wollen. Alles kann neu werden. Das Alte wird für immer verschwinden. Weil wir zu neuen Menschen in Christus werden, weil wir eine neue Identität bekommen. Menschen in dieser Welt können ihre Papier-Identität ändern. Aber sie bleiben dieselben Menschen. Gott bewirkt in uns, dass wir tatsächlich eine neue Identität bekommen. Wir werden zu neuen Menschen, die von Gott geboren sind, die frei sind, die ein neues und wahres Leben empfangen haben und leben.

Wenn wir schon in unserem Inneren auf diesen Tag gewartet und gehofft haben, sollen wir jetzt nicht traurig werden. Der Tag ist noch nicht zu Ende gegangen und jeder von uns hat jetzt die Möglichkeit, morgen in einer völlig anderen Welt aufzuwachen – als freier, erlöster Mensch, dem seine Sünden vergeben wurden. Also fallen wir noch heute auf die Knie vor unserem Gott, bekennen unsere Sünden, kehren uns um und das Alte wird zur Vergangenheit. Das neue Leben wartet auf uns!

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Leben als Christen (Teil 1)

Christen sind das Volk. Das Volk Gottes. Gottes heilige Volk, Sein Königreich von Priestern und Heiligen. Zu diesem Volk angehören Menschen aus allen Völkern. Sie geben ihre alte Identität auf, um eine neue Identität – in Christus Jesus – zu bekommen. So werden sie zu einer, großer Familie. Sie bekommen ein Teil dieser Familie weil sie mit allen ihrer Mitglieder dieselbe Erfahrung teilen. Die Erfahrung der Erlösung, der Befreiung, der Vergebung der Sünden. Genau wie das Volk Israel wurde aus der ägyptischen Sklaverei befreit, genau so wie die Israeliten durchquerten das Meer auf dem trockenen Boden, so auch die Christen. Exodus ist kein einmaliges, sondern ein andauerndes Ereignis. Jede Generation, jeder Mensch, der dem Volk Israel angehört, ist derjenige, der das Meer überquert, der zusammen mit dem ganzen Volk Israel wird aus Ägypten befreit. Mit den Christen ist es nicht anders. Auch wir werden zum Volk Gottes durch unsere kollektive Erfahrung der Erlösung in Christus Jesus. Durch die Befreiung aus den Fesseln der Welt und der Sünde für ein neues und heiliges Leben. So werden Christen zur eucharistische Versammlung der Berufenen – was eine Kirche ist.

Christen sind das Volk Gottes. Und das Volk Gottes lebt nach den Gesetzen Gottes und nicht nach den Gesetzen der Welt. Sie unterscheiden sich in allem, weil sie nicht mehr von der Welt sind. Christen werden zu Staatsbürger des Himmels, die hier, auf dieser Erde nur auf einer kurzen Durchreise sich befinden. Sie suchen für sich hier keine bleibende Stadt, sondern sind auf dem Weg in ihre wahre Heimat (Hebr. 13). Das Problem mit den meisten Christen heute ist, dass sie gar nicht mehr wissen, wie ein Christ christlich leben soll, was das bedeutet, nach dem Gesetz Gottes zu leben. Es wird sehr viel Zeit der Theologie als Wissenschaft gewidmet. Aber niemand braucht heute die Theologie, wir brauchen heute lebendige Beispiele des christlichen Lebens und die klare Lehre, wie sollen wir als Christen heute leben. Konkret und auf den Punkt gebracht. Die meisten Kirchen in unserer Welt sind entweder ganz vom Glauben abgefallen oder wurden zu weltlichen Institutionen. Christen brauchen keine weltliche Institutionen, weil sie nicht von der Welt sind. Sie brauchen keine Beamten in Formen von Priestern, Bischöfen und Patriarchen. Das Volk Gottes braucht Hirten. Hirten und nicht Tagelöhner, die um die Schafe nicht kümmern. Hirten, die als Beispiel der Heiligkeit , Barmherzigkeit, Liebe für Gott und für den Nächsten dienen. Hirten die das Volk Gottes lehren können, die das Volk Gottes stärken und trösten. Nicht nur vom Kanzel, sondern mitten auf dem Weg, mitten im Leben.

Eine Kirche die mit der Welt einen Bund geschlossen hat ist keine Kirche mehr. Ja, sie kann reich, einflussreich, mächtig werden. Sie kann Lob und Ehre genießen. Aber sie ist keine Kirche Christi mehr. Die Welt hat Christus verstoßen, verspottet, verleugnet, gekreuzigt. Damals und auch heute. Und das ist nicht anders mit einer weltlichen Kirche, mit ihrer weltlichen, für das Volk Gottes unerreichbaren Amtsträgern. Vor allem weil im Volk Gottes alle gehören zusammen, alle sind Brüder und Schwestern. Auch die Priester und Bischöfe und Patriarchen. Die sind Väter, Brüder, Lehrer – aber keine Könige und keine Beamten.

Das Volk Gottes hat seine Merkmale.  Die sind Liebe zu einander und Demut. Weil die Christen nicht von der Welt sind, brauchen sie auch nichts von der Welt und wollen nichts in der Welt erreichen. Deswegen brauchen sie keine Konkurrenz miteinander. Ganz im Gegenteil. Sie wollen einander dienen – so wie Christus uns Sein Beispiel hinterlassen hat. Aber sie wollen nicht miteinander konkurrieren. Sie haben keine Neid und Stolz, die den Menschen zwingen sich selbst mit den anderen immer zu vergleichen. Ein Christ vergleicht sich dagegen nur mit Christus selbst. Weil ein Christ zu sein bedeutet Christus zu folgen und Christus zu leben. Bis Christus allein lebt in uns und durch uns. Und die Brüder und Schwestern helfen uns dabei. Und wir helfen unseren Brüdern und Schwestern. Christentum ist deswegen keine Religion. Christentum ist eine Lebensweise. Eine Lebensweise der Nachfolgerschaft einer ganz konkreten Person – Christus. Christentum ist Christus. Weil als Christen glauben wir nicht an etwas, sondern an jemanden. An Christus – den wahren Mensch und wahren Gott, durch den alles geschaffen worden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare. In dem lebt die ganze Fülle Gottes. Und der lebt in Seinen Erlösten, in Seiner Kirche – bis Sein Leben den Tod aus uns gänzlich verdrängt, bis Sein Licht verdrängt unsere Finsternis, bis wir wahre Söhne und Töchter des lebendigen Gottes werden.

Die Nachfolge Christi ist ein Weg. Ein realer, praktischer Weg, eine Praxis und eine Übung, die bedecken jeden Bereich des menschlichen Lebens. Wir müssen lernen, wie Christen leben. Wir müssen lernen, was das bedeutet, als Christ zu leben. Und wir müssen einander helfen, gemeinsam so zu leben.

 

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Liebe und Vertrauen

„Aber Jesus vertraute sich ihnen nicht; denn er kannte sie alle und bedurfte nicht, dass jemand Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn Er wußte wohl, was im Menschen war“ (Johannes, 2,24-25).

Kann man einen Menschen lieben und ihm nicht vertrauen? Ja, kann man. Wahre Liebe zum Menschen bedeutet sicherlich nicht alle seine Charakterzüge zu bejahen und alle seine Taten gut zu heißen. Wahre Liebe kann auch die menschlichen Schwächen sehen, genau so gut wie der Hass. Sogar noch besser. Aber Liebe betrachtet alle diese menschlichen Schwächen eben mit der Liebe. Liebe bewahrt und heilt die menschliche Seele für die Ewigkeit. Hass zerstört und vernichtet die Seele. Liebe liebt den Menschen, nicht seine Sünden, nicht seine Blindheit, nicht seinen Wahnsinn. Und sieht ganz klar die ganze Unvollkommenheit dieser Welt.

Die Eigenschaft der geistlichen Hellsichtigkeit besteht darin, alle Sünden von Menschen zu sehen und die Sünde zu verurteilen, ohne einen einzigen Menschen zu richten und zu verurteilen. Nur ein von Gott erleuchteter Mensch ist solcher Liebe fähig.

Ja, wir können lieben und nicht vertrauen. Aber bedeutet das Vertrauen etwa nicht die Offenheit und ist die Offenheit etwa nicht eine der wichtigsten Eigenschaften der Liebe selbst? Nein, Liebe ist viel mehr als die Offenheit. Auch ohne die seelische Offenheit können wir die Menschen lieben. Hl. Staretz Ambrosius Optinskij oder der hl. Seraphim von Sarow haben die Menschen mit ihren ganzen Herzen geliebt und im Geiste haben den Menschen gedient. Aber nur sehr wenigen haben sie sich anvertraut. Sie haben ihre Seelen verhüllt von den menschlichen Blicken gehalten, haben aber die menschlichen Seelen mit ihren geistlichen Augen durchschaut. Der geistliche Vater während der Beichte öffnet sich nicht dem Beichtenden. Aber seine Seele ist wahrlich offen – in seiner Liebe.

Ein Staretz offenbart nicht alles, was er von Gott erhalten hat. Er geht mit jedem einzelnen Menschen entsprechend seinem geistlichen Zustand um. Mutter erzählt ihrem Kind auch nicht alles, was sie denkt. Nicht weil sie ihr Kind nicht liebt, sondern weil sie ihm in ihrer Liebe nicht vertraut und offenbart ihrem Kind ihre Liebe eben indem sie ihm nur das erzählt, was für ihr Kind gut ist, was es schon in der Lage ist zu verstehen. Es wäre sehr unklug ihm etwas zu erzählen, wofür das Kind noch nicht gewachsen ist – körperlich und seelisch.

Die menschliche Seele können wir mit einem Schiff vergleichen. Ein Schiff hat ein Teil unter dem Wasser und ein Teil über dem Wasser. Auch die Seele muss ihr für die Welt unsichtbares Bewusstsein haben. Kein „Unterbewusstsein“, sondern verhüllte, um die Wahrheit willen Bewusstsein. Das Böse muss man verstecken, um keinen Menschen zu verschmutzen. Das Gute muss man verstecken um es nicht auszuschütteln. Das Böse zu verheimlichen  ist sehr oft eine geistliche Notwendigkeit. Das Gute zu verheimlichen ist fast immer Weisheit und Gerechtigkeit.

Wenn wir etwas verheimlichen, bedeutet das nicht sofort, dass wir Unwahrheit sagen. Wenn wir jemandem nicht vertrauen, bedeutet das nicht, dass wir jemandem misstrauen. Denn unser absolutes Vertrauen können wir nur und allein dem dreifaltigen Gott schenken und allen Seinen Gesetzen und Worten. Sich selbst nicht zu vertrauen ist jedoch immer eine Weisheit und einem anderen Menschen in der Liebe nicht zu vertrauen bedeutet die Fortsetzung des Mistrauens zu sich selber. Denn öfters machen wir verschiedene Dinge ohne selbst zu verstehen, was wir getan haben.

Sich selbst nicht gänzlich zu vertrauen hat einen tiefen und heilenden Sinn. Unsere Erfahrung, unser Verstand, unser Herz, unsere Gedanken, unsere Launen – all das ist wackelig, arm, unentschieden. Wir finden in uns nichts, worauf wir gänzlich vertrauen könnten. Und wenn wir uns abwenden von allem, was wackelig ist, können wir uns gänzlich und grenzenlos Gott anvertrauen und allein auf Ihn vertrauen.

Unserem Nächsten können wir genau so wenig (oder genau so viel!) vertrauen, wir uns selbst. Nur unseren geistlichen Vätern, wahren und erprobten, können wir uns mehr anvertrauen, als uns selbst. Weil sie sich nur um unsere Erlösung, Heiligung und unser Heil kümmern.

Mein Nächster ist jedoch ein Teil von mir selbst – weil er ein Teil der Menschheit ist, so wie ich ein Teil der Menschheit bin. Die Folge der Erbsünde, die Leidenschaften, hat er und habe auch ich. Natürlich im unterschiendlichen Maß und mit unterschiedlicher Schattierung. Aber genau so wie er, so auch ich, haben alle Gründe um unserer noch zerspalteten Natur und unserem noch nicht verklärten Willen nicht zu vertrauen. Wir handeln meistens von einer Leidenschaft getrieben, mit einer Beimischung der Sünde und nicht leidenschaftslos, nicht frei in Christus.

Ich bin wirklich unbeständig und veränderlich, ich wackle und werde immer wieder vom Bösen angegriffen. Und die Reinheit des Innersten meiner Seele wird betrübt durch den Schlamm, der am Boden liegt. Mein Nächster ist genau so unbeständig wie ich und ist genau so fähig zum Guten wie zum Bösen.

Ich muss mich ständig überprüfen. Und mein Nächster muss sich auch ständig überprüfen. Ich muss ständig alle meine Handlungen überprüfen: handle ich nach dem Willen Gottes? Nicht nur das Böse muss ich überprüfen, sondern auch das Gute. Denn das Böse ist öfters offensichtlich, während das Gute ist sehr oft nicht offensichtlich. Und manchmal erscheinen uns Dinge bloß als „Gute“, in der Wirklichkeit sind sie aber böse. Und das Böse muss überprüft werden. Auch dem Bösen können wir nicht „vertrauen“, weil es uns als Böse vorkommt. Den verblendeten Menschen, so wie wir es sind, auch die gute Dinge als böse vorkommen können, vor allem, wenn es mit dem Schmerz oder Leiden verbunden ist oder wenn unser Ego angegriffen wird.

Das bedeutet nicht, dass wir misstrauisch sein sollen, sondern dass wir auf eine kreative Art uns und alles was uns in der Welt umgibt nicht vertrauen sollen. Sünde scheint uns fast immer süß zu sein – wir sollen diesem Gefühl nicht vertrauen, weil die Sünde am Endeffekt immer eine Bitterkeit und ein großes Leiden bedeutet. Leiden (z.B. im Kampf um die Reinheit des Körpers und der Seele) scheint uns unerträglich und abstoßend zu sein. Auch diesem Gefühl sollen wir nicht vertrauen. Nach dem sinnvollen und reinigenden Leiden folgen immer Frieden und Freude, die jede menschliche Vorstellung übersteigen.

Menschen reden sehr viel. Und wie viele leere Worte sie aussprechen. Wir sollen den Menschlichen Worten nicht vertrauen. Viele Menschen leiden öfters selbst, weil sie zu viel geredet haben und bereuen das, was sie gesagt haben.

Nicht alles, was ein Mensch macht, sogar mit den allerbesten Absichten, ist gut. Vieles ist überflüssig, oberflächlich, umsonst, sündhaft – und nicht nur für denjenigen, die das aus Versehen macht, sondern auch für denjenigen, der das unvorsichtig annimmt.

Wenn wir die Liebe für die Menschen vertiefen wollen, sollen wir nie vergessen, dass alle Menschen krank sind und wir müssen immer in der Nüchternheit leben – achtend auf uns selbst und auf alle anderen Menschen.

Natürlich, nicht dem Menschen selbst sollen wir nicht vertrauen, sondern seinem gegenwärtigen Zustand.  Den Grad des Vertrauens muss immer angepasst werden – angepasst daran, in wie fern er durch Gott erleuchtet und gereinigt wurde. Wenn ein Mensch, den wir lieben und dem wir immer vertraut haben, plötzlich zu uns besoffen kommt und anfängt, uns „gute“ Ratschläge zu geben, was passiert dann? Wir unsere Liebe zu diesem Menschen verschwinden? Natürlich nicht. Wenn wir ihn wahrlich lieben, wird unsere Liebe um kein Tropfen weniger werden. Aber das Vertrauen wird verschwinden, nicht nur zu seinen Worten sondern auch zu seinem Gefühl, solange er sich in einem berauschten Zustand befindet.

Es ist seltener vorkommt, das ein Mensch vom Wein berauscht wird, als von einer Leidenschaft – Hass, nachtragend sein, Lust, Geiz, Ehrensucht und so weiter. Leidenschaften wirken auf die Seele genau so wie der Wein und pervertieren seine Seele. Ein Berauschter von einer Leidenschaft herrscht nicht über sich selbst. Auch wenn er leidenschaftslos ist, wird er von der Reinheit Christi und von Seinem Frieden erfüllt.

(Auszug aus dem Wort des hl. Johannes von Schanghai und San Francisco „Apokalypse der kleinen Sünde) 

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Zeugnis in der Welt

„Der lebendige Gott ist die größte Freiheit und die größte Barmherzigkeit. Mit dieser Barmherzigkeit müssen auch wir erfüllt werden, dann wird auch unser Wort lehren und befreien“

Offen kann nur derjenige lehren, wer heimlich zu lehren versteht. Heimlich sich zu erleuchten, heimlich das Licht Gottes in der Welt zu spiegeln. „Deine linke Hand soll nicht wissen, was deine rechte Hand tut“ (Mt 6,3), „Bete zu deinem Vater im Himmel im Geheimen (im Verborgenen) (Mt 6,6)… „Habt acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr sie nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden“ (Mt 6,1). Das Himmelreich ist dem Senfkorn gleicht, das kleiner ist als alle Samenkörner (in der Welt der irdischen Offenbarungen“ (Mk 6,30-31). Unbemerkbar muss unser Umgang mit der Welt sein. Wir müssen uns in Gott verborgen. Alle unsere Angelegenheiten Ihm anvertrauen.

Die Starzen aus der Optina Wüste haben meistens heimlich gelehrt – in Form einer Erzählung oder eines Ereignis aus ihrem Leben. Heimliche Belehrung ist die schärfste. Wir suchen eine Überzeugung, die unsere Freiheit nicht vergewaltigt. Aber jedes menschliches Wort „zieht“ uns. Nur das Wort Gottes (auch im menschlichen Wort verborgen) ruft uns und offenbart Gottes Liebe. Und das menschliche Wort versucht zu überzeugen und zu zwingen.

Der lebendige Gott ist die größte Freiheit und die größte Barmherzigkeit. Mit dieser Barmherzigkeit müssen auch wir erfüllt werden, dann wird auch unser Wort lehren und befreien. Um zu lehren müssen wir Zeugen oder Märtyrer sein. Märtyrer auf Griechisch bedeutet Zeuge. Und ein Zeuge der göttlichen Wahrheit in der Welt ist immer ein Märtyrer. Er muss die Dornen seines eigenen Herzens und die Stachel des Teufels und die ganze Welt überwinden. Zeugnis in der Welt (von Gott und Seinem Reich) abzulegen bedeutet zu lehren. Die Wahrheit muss alle Schichten der Welt durchdringen – sie muss die meist entfernten Frequenzen erreichen, sie muss Gehör und Stimme, Luft und Atem und Zunge durchdringen. Wenn wir unser Zeugnis ablegen (offen sprechen über die Wahrheit Gottes in der Welt und über die Welt), sprechen wir nicht nur den Menschen an, der uns eben zuhört, sondern sprechen wir die ganze Welt an: Engel und Menschen, Sonne, Luft, Erde, und Himmel. Denn die Wahrheit, ausgesprochen mit der menschlichen Stimme, durchdringt den ganzen Himmel (Röm 10,18), erfreut die Engel und legt sich vor dem Throne Gottes, wie einer Art Samenkorn, das am letzen Tag auferstehen wird. Unbeschreiblich wertvoll ist dieses Zeugnis von der Wahrheit in einer sündigen Welt durch einen sündigen Menschen! Wahrlich, wer sich Christus uns Seiner Wahrheit und Seiner Reinheit nicht schämt, den wird auch der Menschensohn nicht schämen, wenn Er kommt mit den heiligen Engeln (Lk 9,26), verspricht das Evangelium. Denn die Engel sind die Zeugen unserer Wörter.

Wir können jedoch nur darüber Zeugnis ablegen, was „unsere Augen gesehen“ und „was unsere Hände berührt“ haben (1. Joh 1,11). Über das „Wort des Lebens“.  Das Herz muss Christus berühren, das Herz muss Christus sehen. Nur solche Zeugnis wird vor dem Gericht Gottes und vor dem menschlichen Gericht angenommen.

hl. Johannes von San Francisco (Shahowski) – Auszug aus „Apokalypse der kleinen Sünde“

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