Maske – Gesicht – Antlitz

Die Bibel trennt ganz klar zwischen dem Abbild Gottes und der Ähnlichkeit Gottes und die heiligen Väter erklären das: unter dem Abbild Gottes verstehen wir den aktuellen menschlichen Zustand – das ontologische Geschenk Gottes an den Menschen, den geistlichen Kern jeden einzelnen Menschen. Die Ähnlichkeit Gottes ist jedoch das Potenzial, die geistliche Fähigkeit der Vollkommenheit, die Kraft, die die ganze empirische Persönlichkeit gestalten kann, sie an die Vollkommenheit bringen, damit der Mensch tatsächlich zum Antlitz, zum Angesicht Gottes – in seinem gesamten Wesen, in seinem Leben, in seiner Persönlichkeit – werden kann.  Und auf diese Weise kann der Mensch Gott der Welt offenbaren, oder auch Gott offenbart sich durch den Menschen. Dann bekommt das Gesicht seine eigentliche, konkrete und wahre geistliche Gefüge, die das Gesicht nach dem Abbild Gottes von einem normalen Gesicht unterscheidet. Wenn der Geist Gottes die menschlichen Hülsen durchbricht, wird das Gesicht zum Angesicht, zum Antlitz. Das Antlitz ist die Ähnlichkeit Gottes die sich im Gesicht wahr geworden ist. Wenn wir die Ähnlichkeit Gottes sehen, können wir auch sagen: siehe, hier ist das Antlitz Gottes.  Wenn wir daran denken, dass das Antlitz auf Griechisch „Idee“ heißt, werden wir verstehen, dass das eben der Sinn des Antlitzes ist: die Offenbarung des geistlichen Kerns und Daseins, Antlitz des ewigen Sinnes, der überhimmlischen Schönheit einer bestimmten Realität, ihrer höheren Prototypen, eines Strahles, der aus der Quelle des Lichtes fließt.

Das Gegenteil des Antlitzes ist die Persönlichkeit. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes bedeutet „die Maske“ – „Larva“, eine Ähnlichkeit einem Gesicht, etwas was einem Gesicht ähnlich sein soll, etwas was sich als Gesicht angibt und bleibt jedoch innerlich leer so wie im Sinne des physischen Daseins genau so wie im Sinne der metaphysischen Substanz. Das Gesicht ist die Offenbarung einer gewissen Realität und wird von uns genau so verstanden, als ein Zwischenglied zwischen dem Erkennbaren und dem Erkennenden. Ohne diese Funktion, ohne diese Offenbarung der äußeren Realität hätte das Gesicht überhaupt keinen Sinn gehabt. Und das Gesicht wird negativ, wenn statt uns das Antlitz Gottes zu offenbaren, macht gar nichts für uns in diese Richtung und was noch viel schlimmer ist, betrügt uns und zeigt uns Dinge die nicht existieren. Das wird das Gesicht zu einer Maske. Wenn wir dieses Wort heute anwenden, wollen wir uns klar davon distanzieren, wie dieses Wort in den antiken Zeiten gebraucht wurde und welchen Sinn den Worten „Larva“, „Persona“, „Prosopon“ und so weiter in den antiken Zeiten zugeschrieben wurden. Damals waren die Masken gar keine Masken, so wie sie heute verstehen, sondern sie waren eine Art der Ikonen. Wenn jedoch alles was sakral war auseinanderfiel und alles was heilige war, verweltlicht wurde, wurde die Maske im modernen Sinne des Wortes geboren – mit den anderen Worten, ein Betrung und eine Täuschung. Etwas, was in der Wirklichkeit nicht existiert, ein mystisches Plagiat, das sogar in seiner unschuldigsten Erscheinung einen Beigeschmack des Schreckens hat.

Das ist charakteristisch, dass schon die Römer dem Wort „Larva“ die Bedeutung der astralen Leichen verliehen haben. Von etwas was „leer“ ist – „inanis“, eines substanzlosen Klischees, einer dunklen, vampirischen Kraft, die nach einem lebendigen Gesicht sucht im Durst nach neuem Blut und Leben. Die vampirische Kraft die an ein lebendiges Gesicht klebt und angibt dieses Gesicht als wäre es ihr eigenes.

Das Böse und das Unreine hat jedoch keine wahre Existenz, weil nur was gut und göttlich ist, ist auch real. Der Satan wurde in den Mittelaltern „Gottes Affe“ genannt und der Versucher hat den ersten Menschen versprochen, sie werden „wie Götter“ – als keine Götter, sondern nur „wie“, dass sie quasi eine täuschende „Erscheinung“ von Göttern werden können. Deswegen können wir auch über die Sünde als über eine Affe, eine Maske, einer äußerlichen Erscheinung sprechen, die jedoch jede eigene Substanz, eigene Kraft  und eigene Realität mangelt. Die Sünde bringt ins Antlitz Gottes im Menschen – in diese reinste Offenbarung Gottes – etwas Fremdes, etwas Unvereinbares mit diesem geistlichen Anfang und verschleiert das Licht Gottes. Das Gesicht ist das Licht, vermischt mit der Finsternis, das ist uns Körper, an verschiedenen Stellen verwundet und deswegen die ganze Schönheit unerkennbar wird. Je mehr die Sünde nimmt den Menschen in ihre Gewalt und das Gesicht aufhört ein  Fenster zu sein, durch das das Licht Gottes leuchten kann, und wird mit mehr und mehr Schmutz auf seinen eigenen Glasscheiben gekleckert, trennt sich das Gesicht von dem Abbild Gottes, vom kreativen Anfang des Menschen, verliert das Leben und wird eingefroren oder versteinert – wie eine Maske der Leidenschaft, die über dem Menschen gesiegt hat. Auch Dostojewski schreibt über eine Maske aus Stein statt eines Gesichts – das ist eine der Stufen des spirituellen Auseinanderfallens des Menschen.

Die spirituelle Entwicklung, ganz im Gegenteil, erleuchtet das Gesicht – erfüllt es buchstäblich mit dem Licht. Das Gesicht wird zum wahren Porträt des wahren Selbst, zum idealen Porträt, geschafft aus dem lebendigen Material, angefertigt vom Art aller Arten. Askese gehört zu dieser Kunst. Und der Asket beweist und bezeugt über die Wahrheit nicht mit seinen Worten, sondern nur mit sich selbst. Er braucht nicht zu argumentieren, er braucht nicht auf die Realität hinzuweisen – er selbst ist die Realität. Und dieses Zeugnis ist wirklich auf dem Gesicht des Asketen geschrieben. „So leuchtet euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16). „Eure guten Werke“ sind gar keine „guten Werke“, wie sie in so viele Sprachen übersetzt werden, die bedeutet keine Philanthropie, kein Puritanismus, keine Moral, sondern „umon ta kala erga“, was bedeutet, eure „wunderschönem Werke“, eure lichtbringenden Werke, die harmonische Erscheinung eures spirituellen Daseins, aber vor allem euer lichtvolles, wunderschönes Gesicht, ein Gesicht das das innere Licht Gottes ausstrahlt und verbreitet – und eben nur dann die Menschen, erleuchtet mit diesem Licht, werden den Gott Vater preisen, wessen lichtvolles Antlitz sie auf dieser Erde erblicken können.

(Nach Pawel Florensky)

 

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