Kyrie Eleison – Das Gebet des Herzens

Das Gebet des Herzens, „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, dem Sünder“ ist das Gebet von orthodoxen Mönche und Nonnen, wird aber auch von den Laien gebetet. Das ist ein Gebet der Beständigkeit, weil wenn wir es beten, wechseln wir nicht von einem Gedanken zum anderen. Dieses Gebet stellt uns von Gesicht zu Angesicht mit Gott und ist unser Glaubensbekenntnis; dieses Gebet bestimmt auch unsere Stellung vor Gott. In diesem Gebet, als allererstes, bekennen wir Christus als unseren Herrn, als unseren Gott und als Herr über allen Dingen und natürlich auch über unserem Leben. Das bedeutet, dass wir unser Leben Ihm gänzlich anvertrauen und wollen nur nach Seinem Willen leben und nach keinem anderen. Danach bekennen wir Sein Menschenwerden. Dann Sein Christus-Sein. Er ist der Gesalbte Gottes, der Erlöser, von wem alle Propheten gesprochen haben. Wir bekennen in diesem Gebet wer Er ist: der Sohn Gottes. Das ist nicht nur das Glaubensbekenntnis an Jesus Christus – es zeigt uns auf die Dreifaltigkeit. Er ist der Sohn des Vaters und niemand kann in diesem Prophet aus Galiläa den Sohn Gottes, als das Mensch gewordene Wort Gottes erkennen, wenn der Heilige Geist den Menschen nicht gelehrt hat Ihn zu sehen, zu erkennen und Ihm anzubeten. So dürfen wir vor Gott stehen und Ihn in der Wahrheit durch den Geist bekennen. Und schließlich: erbarme Dich meiner – die Übersetzung von Griechischen „Kyrie Eleison“.

Und so haben diese zwei Worte, Kyrie Eleison, unsere heiligen Väter verstanden. Sie sahen in diesen Worten unbeschreiblich mehr, als wir heute normalerweise in diesen Worten verstehen. Das Wort „Eleison“ hat dieselbe Wurzel wie das griechische Wort für „Olivenbaum, Olive, Olivenöl“. Natürlich können wir mit diesen Worten nur um die Barmherzigkeit Gottes im Allgemeinen bitten. Aber diese allgemeine Bitte kann natürlich nicht unser Leben zusammenfassen. Und in unserer Alltagsprache haben solche Worte sowie so nur sehr wenig Bedeutung. Wenn wir jedoch dieses Wort biblisch betrachten, dann werden wir sehen, dass der Zweig eines Olivenbaums zum ersten Mal nach der Geschichte von Sinnflut erwähnt wird. Eine Taube bringt Noah einen Olivenzweig. Und war das vielleicht dieselbe Taube die über Christus während Seiner Taufe schwebte? Dieser Olivenzweig bedeutete, dass der Zorn Gottes vorbei war, dass die Vergebung als eine Gabe geschenkt wurde, dass vor uns eine neue Zeit und ein neuer Weg liegt.

Das ist die erste mögliche Bedeutung und eine Situation, die wir auf uns anwenden können. Aber wir können nicht immer auf diesem Weg gehen. Es reicht leider nicht aus, über die Zeit, neuen Möglichkeiten und Wegen zu verfügen. Wenn wir seelisch krank sind, wenn unser Wille gebrochen ist, wenn wir unfähig sind, weder mental noch physisch den Weg weder zu erkennen noch ihm zu folgen, brauchen wir Heilung. Dann können wir uns auf das Öl erinnern, das der gute Samariter auf die Wunden von armen Menschen ausgegossen hat, der zum Opfer von bösen Räubern geworden ist. Die heilende Kraft Gottes eröffnet uns die Möglichkeit zu nutzen, dass Sein Zorn weg ist, dass uns die Vergebung als ein Geschenk angeboten ist, dass Er uns Zeit, Raum und Ewigkeit, Möglichkeiten und Weg gegeben hat.

Noch ein anderes Bild bekommen wir, wenn wir an die Salbung von Königen und Priestern denken. Diese Menschen wurden aus den Söhnen Israel erwählt und an der Schwelle zwischen der Welt Gottes und der Welt von Menschen zu stehen, zwischen der Einheit und der Harmonie der göttlichen Welt und oft so sehr komplizierten und gespaltenen Welt von Menschen. Und um auf dieser Schwelle zu stehen, braucht der Mensch mehr als nur die menschlichen Fähigkeiten. Er braucht die Begabung Gottes. Als Zeichen dafür wurden Priester und Könige gesalbt. Im Neuen Testament sind wir alle Priester und Könige und unsere Berufung als Christen übersteigt beim weitem alles was ein Mensch erreichen kann. Wir sind berufen lebendige Glieder des Leibes Christi zu sein, wir sind berufen Seine Tempel auf der Erde zu sein, reine und würdige des Heiligen Geistes, die mit Gott Seine eigene Natur teilen. All das übersteigt unsere menschlichen Fähigkeiten. Aber gleichzeitig müssen wir immer Menschen bleiben, im tiefsten Sinne dieses Wortes, in dem ein Christ sieht die Menschheit geschaffen nach dem Bild des Mensch-gewordenen Sohn Gottes. Dafür brauchen wir die Gnade und die Hilfe Gottes. Und dafür steht diese Salbung als Bild für uns.

Bevor wir diese Worte: „Erbarme Dich meiner“ aussprechen, sollen wir nachdenken, was wir damit sagen wollen. Wollen wir einfach sagen: „Gott, zeige mir Deine Barmherzigkeit, Mitleid, Deine Zärtlichkeit. Gieße auf mich Deine Zärtlichkeit und Liebe“. Oder wollen wir über unsere momentane Lage nachdenken. Befinden wir uns gerade in der Tiefe eines Falls? Stehen wir vielleicht vor den unbegrenzten Möglichkeiten und sind trotzdem gänzlich unfähig irgendetwas zu unternehmen, weil wir zutiefst verwundet sind? Oder sind wir geheilt worden und stehen vor einer Berufung, die so hoch ist, dass wir davon nicht einmal träumen wagen? Aber diese Berufung kann nur erfüllt und von uns gelebt werden, wenn Gott uns die Kräfte dafür schenkt. Deswegen müssen wir uns ins Wort eintauchen lassen, sodass die Worte, die wir aussprechen, mit unseren Emotionen verbunden werden, sodass um diese Worte die ganze Tiefe unseres inneren Lebens fokussiert werden kann.

Aber wenn diese Worte, die wir im Gebet aussprechen, nicht zur Realität in unserem Leben werden, nicht darin gespiegelt werden, wie wir leben, werden sie gänzlich nutzlos bleiben und werden uns nirgendwo hinführen. Deswegen ist es völlig sinnlos Gott über die Dinge zu bitten, die wir nicht bereit sind zu empfangen. Wenn wir sagen: „Herr, befreie mich von dieser oder jener Versuchung“ und gleichzeitig suchen, mit welchen Mitteln wir am besten an diese Versuchung kommen können und damit rechnen, dass Gott uns dann aus dem entstandenen Problem an die Haare und eigentlich gegen unseren Willen rausziehen wird, haben wir sehr wenige Chance auf das Erfolg. Gott gibt uns Seine Kraft, aber wir müssen sie anwenden. Wenn wir im Gebet bitten Gott uns die Kraft zu geben, etwas in Seinem Namen zu machen, bedeutet das nicht, dass wir Gott bitten, das statt uns zu machen – weil wir viel zu willenlose sind, um selbst zu handeln.

Metropolit Antonius Blum 

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