Religiöse Begabung

Wenn über die Religion sprechen, beschreiben wir meistens bestimmte religiöse Systeme, ihre Geschichte, ihre Psychologie und ihre Verbreiter, wir studieren die religiöse Soziologie, ihre Texte. Dabei lassen wir meistens den Kern der Religion – die Religiosität, im besten Sinne dieses Wortes. So behaupten wir, es reiche gut in verschiedenen Formeln sich auszukennen. Und so verpassen wir gänzlich die Essenz – das was wir als die religiöse Begabung oder „religious-gen“ beschreiben können. Das ist ein Phänomen, der gänzlich unabhängig von der Kultur oder von der Bagage wie Nationalzugehörigkeit, politische oder philosophische Überzeugungen ist. Religiosität  als Phänomen kann man mit  dem musikalischen Gehör vergleichen. Derjenige, der es nicht hat, wird auch sehr wenig davon wissen oder verstehen, was das sein kann. Ein religiös begabter Mensch kann ein glänzender Intellektueller sein, so wie der Thomas von Aquin oder Vater Pavel Florenski, oder auch ein ganz ungebildeter Mensch, wie der Autor von „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“.

Der Kern der Religion (wenn es natürlich um eine theistische Religion handelt) besteht nicht darin, um etwas (wenn auch ALLES!) über Gott zu wissen, sondern nur darin, um Gott zu kennen. Wunderschön beschreibt das Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst zu lieben“: „Im Mystizismus, das eine logische Folge von Monotheismus ist, jeder Versuch Gott rational zu erkennen wird verstoßen und wird ersetzt durch die Erfahrung der Vereinigung mit Gott. Dabei bleibt für das Wissen über Gott weder Platz noch Bedürfnis“. Weiter schreibt Fromm und bezieht sich auf Maimonides, dass wenn auch etwas vom Wissen über Gott bleibt, dann nur das, was Gott nicht ist. Den Christen war das auch von Anfang an bekannt, auch wenn selten befolgt. So kommt ganz am Anfang der Göttlichen Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus ein Gebet in dem Gott mit vier Präfixen „-a“, oder „-nicht“  angesprochen wird. In diesem Gebet sagen wir, dass Gottes Macht „aneikaston“ ist, Seine Herrlichkeit ist „akataleptos“, Seine Barmherzigkeit ist „ametreton“ und Seine Liebe zu den Menschen ist „aphatos“ – was bedeutet, Seine Macht ist unmöglich abzubilden, Seine Herrlichkeit ist unmöglich zu verherrlichen, Seine Barmherzigkeit zu umfangen und Seine Liebe zu den Menschen ist unmöglich in den Worten zu fassen.

Die Rede hier ist nicht davon, dass Gott so allmächtig, dass wir Ihn uns nicht mit unserem Verstand vorstellen kann, sondern nur davon, dass alle Vorstellungen, mentale Konstruktionen, Zahlen und Worte hilflos sind, wenn es um Gott geht. „Non valet lingua dicere, hec littera exprimere“ – Zunge kann nicht erzählen noch die Buchstabe wiedergeben“, wie später im christlichen Westen das hl. Bernard schreiben wird.

Ohne diese tiefe und persönliche Kenntnis von Gott, zutiefst verwurzelt in der menschlichen Seele, das Gefühl das Spinoza auf Latein „de Deo sentire“ beschreibt, kann keine Religiosität geben. Ohne diesem Gefühl kann man nur von einem Selbstbetrug sprechen, über eine Imitation der Religiosität, die den Menschen immer in die Sackgasse führt, wo er nicht mehr Gott, sondern Ritual anbetet, nicht Gott sondern eine bestimmter Konfession dient, nicht Gott sondern bestimmte Bräuche liebt. Genau so eine philosophische, ideologische oder ethische Religiosität führt den Menschen ultimativ dazu, dass in den Zeiten der Versuchungen, Leiden oder Unglück er sich zum hasserfüllten Adept seiner und dem zu folgen der einzig wahren Lehre verwandelt, oder leugnet diese Art der Religiosität, wenn er plötzlich entdeckt ihre Leblosigkeit und Künstlichkeit.

Genau davon schrieb in den 30-en Jahren A.F. Losev. Er beschreibt die Religion als „vor allem ein Leben einer bestimmten Art. Religion ist weder eine Weltanschauung, auch wenn diese Weltanschauung maximal religiös sein kann, noch eine Moral, wenn auch die allerhöchste, noch die religiöse Moral, noch die Sinnlichkeit oder die Ästhetik, auch wenn mit dem feurigen Gefühl des Mystizismus verbunden. Religion ist die Vollendung von Weltanschauung, sie ist die materielle Substanz von Moral, sie ist die reale Befestigung des Gefühls. Diese Vollendung ist vor allem rein physisch und substanziell und immer physiologisch spürbar“. So wie der hl. Augustinus auch schreibt, dass entweder wird der Geist unser Körper mit sich selbst durchdringen und „vergeistigen“, oder der Körper wird den Geist „verfleischigen“.

Gott offenbart sich in den tiefen der menschlichen Seele und erst dann beginnt sich in allem und überall zu manifestieren  – gleichermaßen im Schrei eines Kindes wie in den Strahlen der Sonne. Erst dann lernt der Mensch Gott in allem zu sehen, worauf er seinen Blick richtet. Ein Mensch, der diese ultimative und zutiefst persönliche Erfahrung mit Gott gemacht hat und der persönlich Gott kennt – und nicht etwas (wenn auch ALLES!) über Gott, der wird es wissen, dass seine Religion absolut und nicht exklusiv ist.  Sie ist absolut, weil sie glaubt – auf Latein „credere“ wird vom „cor dare“ – sein Herz zu geben, zu schenken – abgeleitet ist. Das bedeutet mit dem ganzen Herzen und ohne „wenn“ und „aber“ das zu bekennen, woran du glaubst. Das ist der Prozess der „immerwährenden Geburt Christi in uns“, wie der Meister Eckhart das beschreibt.

Vater Georgi Chistiakov 

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