Liebe und Vertrauen

„Aber Jesus vertraute sich ihnen nicht; denn er kannte sie alle und bedurfte nicht, dass jemand Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn Er wußte wohl, was im Menschen war“ (Johannes, 2,24-25).

Kann man einen Menschen lieben und ihm nicht vertrauen? Ja, kann man. Wahre Liebe zum Menschen bedeutet sicherlich nicht alle seine Charakterzüge zu bejahen und alle seine Taten gut zu heißen. Wahre Liebe kann auch die menschlichen Schwächen sehen, genau so gut wie der Hass. Sogar noch besser. Aber Liebe betrachtet alle diese menschlichen Schwächen eben mit der Liebe. Liebe bewahrt und heilt die menschliche Seele für die Ewigkeit. Hass zerstört und vernichtet die Seele. Liebe liebt den Menschen, nicht seine Sünden, nicht seine Blindheit, nicht seinen Wahnsinn. Und sieht ganz klar die ganze Unvollkommenheit dieser Welt.

Die Eigenschaft der geistlichen Hellsichtigkeit besteht darin, alle Sünden von Menschen zu sehen und die Sünde zu verurteilen, ohne einen einzigen Menschen zu richten und zu verurteilen. Nur ein von Gott erleuchteter Mensch ist solcher Liebe fähig.

Ja, wir können lieben und nicht vertrauen. Aber bedeutet das Vertrauen etwa nicht die Offenheit und ist die Offenheit etwa nicht eine der wichtigsten Eigenschaften der Liebe selbst? Nein, Liebe ist viel mehr als die Offenheit. Auch ohne die seelische Offenheit können wir die Menschen lieben. Hl. Staretz Ambrosius Optinskij oder der hl. Seraphim von Sarow haben die Menschen mit ihren ganzen Herzen geliebt und im Geiste haben den Menschen gedient. Aber nur sehr wenigen haben sie sich anvertraut. Sie haben ihre Seelen verhüllt von den menschlichen Blicken gehalten, haben aber die menschlichen Seelen mit ihren geistlichen Augen durchschaut. Der geistliche Vater während der Beichte öffnet sich nicht dem Beichtenden. Aber seine Seele ist wahrlich offen – in seiner Liebe.

Ein Staretz offenbart nicht alles, was er von Gott erhalten hat. Er geht mit jedem einzelnen Menschen entsprechend seinem geistlichen Zustand um. Mutter erzählt ihrem Kind auch nicht alles, was sie denkt. Nicht weil sie ihr Kind nicht liebt, sondern weil sie ihm in ihrer Liebe nicht vertraut und offenbart ihrem Kind ihre Liebe eben indem sie ihm nur das erzählt, was für ihr Kind gut ist, was es schon in der Lage ist zu verstehen. Es wäre sehr unklug ihm etwas zu erzählen, wofür das Kind noch nicht gewachsen ist – körperlich und seelisch.

Die menschliche Seele können wir mit einem Schiff vergleichen. Ein Schiff hat ein Teil unter dem Wasser und ein Teil über dem Wasser. Auch die Seele muss ihr für die Welt unsichtbares Bewusstsein haben. Kein „Unterbewusstsein“, sondern verhüllte, um die Wahrheit willen Bewusstsein. Das Böse muss man verstecken, um keinen Menschen zu verschmutzen. Das Gute muss man verstecken um es nicht auszuschütteln. Das Böse zu verheimlichen  ist sehr oft eine geistliche Notwendigkeit. Das Gute zu verheimlichen ist fast immer Weisheit und Gerechtigkeit.

Wenn wir etwas verheimlichen, bedeutet das nicht sofort, dass wir Unwahrheit sagen. Wenn wir jemandem nicht vertrauen, bedeutet das nicht, dass wir jemandem misstrauen. Denn unser absolutes Vertrauen können wir nur und allein dem dreifaltigen Gott schenken und allen Seinen Gesetzen und Worten. Sich selbst nicht zu vertrauen ist jedoch immer eine Weisheit und einem anderen Menschen in der Liebe nicht zu vertrauen bedeutet die Fortsetzung des Mistrauens zu sich selber. Denn öfters machen wir verschiedene Dinge ohne selbst zu verstehen, was wir getan haben.

Sich selbst nicht gänzlich zu vertrauen hat einen tiefen und heilenden Sinn. Unsere Erfahrung, unser Verstand, unser Herz, unsere Gedanken, unsere Launen – all das ist wackelig, arm, unentschieden. Wir finden in uns nichts, worauf wir gänzlich vertrauen könnten. Und wenn wir uns abwenden von allem, was wackelig ist, können wir uns gänzlich und grenzenlos Gott anvertrauen und allein auf Ihn vertrauen.

Unserem Nächsten können wir genau so wenig (oder genau so viel!) vertrauen, wir uns selbst. Nur unseren geistlichen Vätern, wahren und erprobten, können wir uns mehr anvertrauen, als uns selbst. Weil sie sich nur um unsere Erlösung, Heiligung und unser Heil kümmern.

Mein Nächster ist jedoch ein Teil von mir selbst – weil er ein Teil der Menschheit ist, so wie ich ein Teil der Menschheit bin. Die Folge der Erbsünde, die Leidenschaften, hat er und habe auch ich. Natürlich im unterschiendlichen Maß und mit unterschiedlicher Schattierung. Aber genau so wie er, so auch ich, haben alle Gründe um unserer noch zerspalteten Natur und unserem noch nicht verklärten Willen nicht zu vertrauen. Wir handeln meistens von einer Leidenschaft getrieben, mit einer Beimischung der Sünde und nicht leidenschaftslos, nicht frei in Christus.

Ich bin wirklich unbeständig und veränderlich, ich wackle und werde immer wieder vom Bösen angegriffen. Und die Reinheit des Innersten meiner Seele wird betrübt durch den Schlamm, der am Boden liegt. Mein Nächster ist genau so unbeständig wie ich und ist genau so fähig zum Guten wie zum Bösen.

Ich muss mich ständig überprüfen. Und mein Nächster muss sich auch ständig überprüfen. Ich muss ständig alle meine Handlungen überprüfen: handle ich nach dem Willen Gottes? Nicht nur das Böse muss ich überprüfen, sondern auch das Gute. Denn das Böse ist öfters offensichtlich, während das Gute ist sehr oft nicht offensichtlich. Und manchmal erscheinen uns Dinge bloß als „Gute“, in der Wirklichkeit sind sie aber böse. Und das Böse muss überprüft werden. Auch dem Bösen können wir nicht „vertrauen“, weil es uns als Böse vorkommt. Den verblendeten Menschen, so wie wir es sind, auch die gute Dinge als böse vorkommen können, vor allem, wenn es mit dem Schmerz oder Leiden verbunden ist oder wenn unser Ego angegriffen wird.

Das bedeutet nicht, dass wir misstrauisch sein sollen, sondern dass wir auf eine kreative Art uns und alles was uns in der Welt umgibt nicht vertrauen sollen. Sünde scheint uns fast immer süß zu sein – wir sollen diesem Gefühl nicht vertrauen, weil die Sünde am Endeffekt immer eine Bitterkeit und ein großes Leiden bedeutet. Leiden (z.B. im Kampf um die Reinheit des Körpers und der Seele) scheint uns unerträglich und abstoßend zu sein. Auch diesem Gefühl sollen wir nicht vertrauen. Nach dem sinnvollen und reinigenden Leiden folgen immer Frieden und Freude, die jede menschliche Vorstellung übersteigen.

Menschen reden sehr viel. Und wie viele leere Worte sie aussprechen. Wir sollen den Menschlichen Worten nicht vertrauen. Viele Menschen leiden öfters selbst, weil sie zu viel geredet haben und bereuen das, was sie gesagt haben.

Nicht alles, was ein Mensch macht, sogar mit den allerbesten Absichten, ist gut. Vieles ist überflüssig, oberflächlich, umsonst, sündhaft – und nicht nur für denjenigen, die das aus Versehen macht, sondern auch für denjenigen, der das unvorsichtig annimmt.

Wenn wir die Liebe für die Menschen vertiefen wollen, sollen wir nie vergessen, dass alle Menschen krank sind und wir müssen immer in der Nüchternheit leben – achtend auf uns selbst und auf alle anderen Menschen.

Natürlich, nicht dem Menschen selbst sollen wir nicht vertrauen, sondern seinem gegenwärtigen Zustand.  Den Grad des Vertrauens muss immer angepasst werden – angepasst daran, in wie fern er durch Gott erleuchtet und gereinigt wurde. Wenn ein Mensch, den wir lieben und dem wir immer vertraut haben, plötzlich zu uns besoffen kommt und anfängt, uns „gute“ Ratschläge zu geben, was passiert dann? Wir unsere Liebe zu diesem Menschen verschwinden? Natürlich nicht. Wenn wir ihn wahrlich lieben, wird unsere Liebe um kein Tropfen weniger werden. Aber das Vertrauen wird verschwinden, nicht nur zu seinen Worten sondern auch zu seinem Gefühl, solange er sich in einem berauschten Zustand befindet.

Es ist seltener vorkommt, das ein Mensch vom Wein berauscht wird, als von einer Leidenschaft – Hass, nachtragend sein, Lust, Geiz, Ehrensucht und so weiter. Leidenschaften wirken auf die Seele genau so wie der Wein und pervertieren seine Seele. Ein Berauschter von einer Leidenschaft herrscht nicht über sich selbst. Auch wenn er leidenschaftslos ist, wird er von der Reinheit Christi und von Seinem Frieden erfüllt.

(Auszug aus dem Wort des hl. Johannes von Schanghai und San Francisco „Apokalypse der kleinen Sünde) 

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