Die große Versuchung

„Jesus aber, voll Heiligen Geistes, kehrte vom Jordan zurück und wurde durch den Geist in der Wüste vierzig Tage umhergeführt und von dem Teufel versucht. Und er aß in jenen Tagen nichts; und als sie zu Ende waren, hungerte ihn. Und der Teufel sprach zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich zu diesem Stein, dass er Brot werde. Und Jesus antwortete ihm: Es steht geschrieben: »Nicht vom Brot allein soll der Mensch leben.« Und er führte ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm in einem Augenblick alle Reiche des Erdkreises. Und der Teufel sprach zu ihm: Dir will ich alle diese Macht und ihre Herrlichkeit geben; denn mir ist sie übergeben, und wem immer ich will, gebe ich sie. Wenn du nun vor mir anbeten willst, soll das alles dein sein. Und Jesus antwortete ihm und sprach: Es steht geschrieben: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.« Und er führte ihn nach Jerusalem und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich von hier hinab; denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln über dir befehlen, dass sie dich bewahre und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt.« Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Es ist gesagt: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.« Und als der Teufel jede Versuchung vollendet hatte, wich er für eine Zeit von ihm“ (Lk 4).

In dieser Geschichte sehen wir ganz genau, was unterscheidet die Kirche Christi von einer Versammlung des Teufels – auch wenn diese Versammlung der Kirche Christi in den äußeren Formen sehr ähnlich sein kann. Die Versuchung Christi ist gleichzeitig die Versuchung jeden einzelnen von uns und jeder einzelnen Gruppe von Menschen, die Christus nachfolgen wollen. Denn was der Teufel anbietet, ist nichts anders als drei Wege um eine erfolgreiche Religion zu gründen. An diese Stelle müssen wir vielleicht sagen, dass das Christentum, so lehren unsere heiligen orthodoxen Väter, ist keine Religion. Christentum ist auch keine Philosophie und keine Lehre. Christentum ist Jesus Christus selbst – Er ist der Weg, in Seine Nachfolgerschaft sind wir berufen – so zu sein, wie Er ist.

Der erste Weg ist den Menschen das Brot zu geben – sie mit den materiellen Gütern zu sättigen. Wer das macht, wird sicherlich viele Anhänger finden. Sie werden aber natürlich ihm nur solange folgen, solange er ihnen das Brot geben kann. Wenn er nichts mehr hat und nichts mehr geben will, werden sie sofort ihn verlassen und neue Orte und Versammlungen suchen, wo sie das Brot essen können.

Der zweite Weg ist der Weg der weltlichen Macht, der weltlichen Ruhm, der Weg der Freundschaft mit der Welt und mit dem Staat. Dieses großes Unglück geschah in der christlichen Kirche im vierten Jahrhundert, als das Christentum zur offiziellen Religion des römischen Reichs erhoben wurde. Genau dieses großes Übel verursachte, dass tausende von Menschen die Stadt und die Welt verlassen haben und wollten lieber in der Wüste leben – das war der Anfang des Mönchstums. Ein Christ kann nicht der Welt dienen oder mit der Welt zusammen arbeiten – der Christ ist nicht von der Welt. Und die wahre Kirche Christi war und bleibt immer eine verfolgte Kirche. Einmal in den Jahren des Kommunismus in der UdSSR fragte ein ausländischer Journalist einen Bischof, ob die Kirche in der UdSSR verfolgt ist. Der Bischof antwortete: „Die Kirche ist immer verfolgt“.

Der dritte Weg schnell viele Anhänger zu finden ist ihnen eine Sensation zu bieten, sie mit den Wundern zu begeistern, sie in den Zustand einer Massenhysterie oder Hypnose zu bringen. Menschen betrügen einander und sich selbst sehr gerne und machen das mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit, auch wenn die Wahrheit klar erkannt und gesehen werden kann. Aber die Menschen glauben natürlich viel lieber, viel schneller und viel einfacher an eine Lüge als an eine Wahrheit. Es ist viel bequemer in einer Illusion und in einer Lüge, im Selbstbetrug zu leben als sich mit der Wahrheit auseinandersetzen zu wollen. Menschen glauben an die Wunder, auch wo keine Wunder geschehen. Das ist bemerkenswert, dass es in den Evangelien an keiner Stelle das Wort „Wunder“ gebraucht wird, auch wenn viele Bibelübersetzungen dieses Wort irrtümlicherweise verwenden. Das Wort das in den Evangelien gebraucht wird bedeutet immer ein „Zeichen“ und kein „Wunder“. Christus ist kein Wundertäter, wie viele New Age Leute Ihn gerne sehen wollen. Christus macht keine Wunder. Er setzt Zeichen, damit die Menschen, die Augen und Ohren haben, erkennen können, dass das Himmelreich Gottes tatsächlich nah ist.

Heute sehr viele Kirchen, so scheint es mindestens, sind allen drei Versuchungen unterlegen. Sie kaufen Menschen mit dem Brot, sie üben die weltliche Macht aus und sie berauschen sie mit (in den meisten Fällen pseudo) Wundern. Aber wer Christus folgt, der braucht all das nicht. Denn er lebt nicht nur vom Brot allein, er ist nicht von der Welt und er braucht keine Wunder – denn er ist zu Christus gekommen und das Himmelreich Gottes schon in seinem Herzen ist.

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