Erbsünde und Erlösung

„Nur bei Gott allein kommt meine Seele zur Ruhe, nur von Ihm kommt meine Hilfe. Nur Er ist mein Fels, meine Hilfe, meine Burg; darum werde ich nicht mehr wanken. Nur ein Hauch sind die Menschen, die Leute nur Lug und Trug. Auf der Waage schnellen sie empor, leichter als ein Hauch sind sie alle“ (Ps 62, 1-2,10).

Meistens verstehen wir nicht, was es bedeutet, an die Erbsünde erkrankt zu sein und durch diese Erbsünde unser ganzes Leben geprägt zu haben. Aber irgendwann im Leben machen wir alle denselben schrecklichen Fehler, so wie der Adam und die Eva ihn auch gemacht haben. Wir zweifeln an Gott, an Seine Güte, an Seine Liebe und an Seine Barmherzigkeit. Wir entfernen uns immer weiter von Gott. Er wird für uns zu einem himmlischen Zauber, der uns in unserem Leben helfen soll, so zu leben, wie wir es gerne haben möchten. Er sei dafür da, unsere Wünsche zu erfüllen und unsere Sehnsüchte zu stillen. Aber irgendwann machen wir alle die Erfahrung, dass Er das nicht macht. Unsere Gebete werden nicht beantwortet. Mindestens nicht so, wie wir es uns vorstellen und gerne haben möchten. Und dann verfallen wir gänzlich in die Macht des Teufels – wir vertrauen nicht länger Gott, sondern wir nehmen unser Leben in unsere eigene Hand. Wir fangen an selbst zu handeln. Das scheint uns auch völlig legitim und gerecht zu sein. Wenn Gott schon entweder nicht genug Interesse oder genug Kraft hat, um uns zu helfen und uns das zu geben, was wir gerne haben wollen, sind wir berechtigt das alles mit unseren eigenen Mitteln zu erreichen. Das ist der Anfang eines normalen Lebensweges, erfüllt mit Enttäuschungen, Schmerzen, Leiden, Reue. Immer wieder greifen wir an unsere eigenen Mittel, um uns eine schnelle Linderung zu verschaffen, um uns eine kleine Freude zu machen, um diese ganze Enttäuschung und Schmerz des Lebens, seine Leere mindestens für eine kurze Zeit wegzudrängeln, zu vergessen, für einen kurzen Augenblick zu erfüllen. Und so verbringt ein „normaler“ Mensch sein ganzes Leben.

Es gibt aber immer wieder Menschen, die es schmerzvoll spüren, dass sie ihre Leere mit nichts wirklich erfüllen können. Statt erfüllt zu werden, vergrößert sich diese Leere und Unzufriedenheit mit jedem unseren Versuch sie mit den weltlichen Mitteln zu erfüllen. Das kann ein Anfang des Weges der Umkehr bedeuten. Die Umkehr heiß auf Griechisch „Metanoia“ und bedeutet „Veränderung des Denkens, Veränderung des Verstandes“. Das ist eine radikale Wende im Denken. Der Mensch begreift mit seinem ganzen Wesen, dass kein Mensch, kein Ding, keine Karriere, kein Sex, absolut NICHTS ihn erfüllen kann und seiner müden Seele die Ruhe geben kann. Nichts in dieser Welt kann ihm das geben, wonach er sein ganzes Leben, bewusst oder unbewusst, so sehnsüchtig sucht. Unsere größte Sünde ist dieselbe wie die, des Teufels – wir haben uns von Gott getrennt, wir haben uns selbstständig gemacht, wir haben unser Leben in unsere eigene Hand genommen. Und so haben wir Jahrzehnte verbracht. Vielleicht sind wir sogar in die Kirche gegangen, vielleicht waren wir sogar aktiv gewesen, vielleicht haben wir sogar heiligen Weihen empfangen. Aber wir haben unser Leben nie Gott zurück gebracht. Wir waren unsere eigenen Herren. Wir haben nie Gott genug vertraut, um alles zu lassen und nur Ihn zu suchen. Wir haben Ihn würdig gefunden, unser Essen zu segnen aber alle wichtige Entscheidungen haben wir uns selbst überlassen.

Das Christentum beginnt mit der Umkehr – mit der Metanoia. Und die Umkehr bedeutet zuerst diese Sünde zu bekennen, dass wir uns selbständig gemacht haben, dass wir aus Gott einen Diener gemacht haben, der dafür da ist, um unsere Wünsche zu erfüllen, dass wir dachten, wir können mit Gott verhandeln und Ihm unsere Bedingungen stellen, dass wir das Recht haben, auf Ihn wütend zu sein, wenn Er nicht das macht, was wir von Ihm verlangen. Und dass das uns berechtigt, unser Leben in unsere eigenen Hände zu nehmen. Die Umkehr bedeutet mit unserem ganzen Wesen zu begreifen, dass wir nichts, aber wirklich nichts, außer Gott brauchen. Und dass wir auch nichts davon brauchen, was Er uns schenken oder geben kann. Wir brauchen nur Ihn selbst! Weil Er, Christus, der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. In Ihm lebt die ganze Fülle. In Ihm ist ALLES. Christentum ist eine Liebesbeziehung mit Gott. Das ist eine persönliche Beziehung. Das ist ein Leben mit jemandem – ein Leben mit Gott. Geprägt nur von der unendlichen Liebe die uns geschenkt wird und die wir auch erwidern. Ein Christ ist ein Mensch der weiß, dass er außer Gott nichts braucht und nichts will – und so lebt. Egal welche Schmerzen, welche Leiden, welche Probleme er auf seinem Weg in seine himmlische Heimat erleben muss. Das alles ist gänzlich egal. Gott muss nichts für ihn lösen. Er braucht nichts außer Gott selbst. Er lebt im absoluten Vertrauen in die ewige Güte und Liebe Gottes. Egal was im Leben geschieht, egal was uns widerfährt, egal wie viel wir für Christus leiden müssen, das wird unsere Beziehung mit Ihm niemals belasten. Ganz im Gegenteil, die Christen haben es immer als die größte Ehre verstanden, für Christus zu leiden und zu sterben zu dürfen, ihr Zeugnis bis in den Tod zu tragen. Eben weil wir Gott lieben, wollen wir nichts anderes haben als Ihn allein. Nicht irgendetwas von Ihm – sondern nur Ihn! Nur mit Ihm zusammen zu sein! Und nichts anders. Das ist die Erlösung von der Erbsünde. Das ist die Heilung unserer Seelen. Für so einen Menschen wird es nicht schwer alles hinter sich zu lassen und Christus zu folgen. Weil nichts will Er mehr als Ihn. Es wird aber unmöglich für einen Menschen, der noch an den Dingen dieser Welt hängt, der noch diese Welt liebt.

Der Christ will nichts anders, als den Willen seines himmlischen Vaters zu erfüllen. Er hat seinen eigenen Willen, der ihn lebenslang  in die Sackgassen geführt hat, gänzlich losgesagt. Es gibt für ihn nur noch ein einziger Wille – der Wille Gottes. Und er lebt in der unerschütterlichen Zuversicht, dass Gott nur das Gute für ihn will – auch wenn das aus der weltlichen Perspektive umgekehrt aussieht. Aber er schaut jetzt mit den Augen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Er wurde von den Illusionen befreit, es gebe irgendetwas oder irgendjemanden in der Welt, das/der ihn glücklich machen oder ihn erfüllen könnte. Jetzt, auf diesem durch die Reue und durch die Umkehr vorbereiteten Boden können die neuen Samen des ewigen Lebens gepflanzt werden. Dieser Mensch ist nicht mehr von der Welt, weil er alles Weltliche losgesagt und verlassen hat. Nur noch Gott sucht er. Und so wird er zur neuen und erlösten Schöpfung. Er wird zum Heiligen Gottes.

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