Die evangelische Frömmigkeit – Auszug aus dem Buch der hl. Maria von Paris

Auszug aus dem Buch der hl. Mutter Maria von Paris (Teil 5)

Ich widme mich jetzt der evangelischen Art des geistlichen Lebens – dem Ewigen, so wie das Evangelium ewig ist. Immer hat das Evangelium in der Kirche gelebt und lebt, es strahlt auf den Gesichten der Heiligen, manchmal erleuchtet dessen Licht auch die Menschen, die der Kirche ganz fremd sind. Aber ich muss sofort darauf hinweisen, um keine Missverständnisse zu verursachen: natürlich spreche ich nicht von den modernen evangelikalen Sekten, die aus dem Evangelium nur eine Handvoll von moralischen Gesetzen genommen haben, sie mit einer eher armen und eigenartigen Dogmatik über die Erlösung und über die Wiedergeburt verbunden haben und sie mit dem offenen Hass für die Kirche versorgt haben. Sie haben angefangen, diese sehr komische Mischung als wahres Verständnis der evangelischen Lehre zu verbreiten. Der evangelische Geist des religiösen Bewusstseins weht wo Er will. Aber weh den Epochen und den Menschen, auf die Er sich nicht niedergelassen hat. Und anderseits, selig sind diejenigen, die auf Seinen Wegen gehen, ohne das zu wissen.

Was charakterisiert diesen Weg? – der Durst des Christus-Werdens und der Verchristlichung des Lebens. Er hat weder mit der Verkirchlichung noch mit der Christianisierung etwas zu tun. Verkirchlichung wird normalerweise so verstanden, dass der Mensch sein Leben dem Rhythmus der Kirche unterordnet, dass er bestimmte Elemente des kirchlichen Lebens oder sogar das Kirchenrecht in sein Leben integriert. Und die Christianisierung wird normalerweise so verstanden, dass die tierische Hartherzigkeit der menschlichen Geschichte mit der Hilfe einer Dosis der christlichen Moral verändert werden kann. Und dazu gehört auch, das Evangelium in der ganzen Welt zu verkündigen.

Christus-Werden beruht sich auf den Worten: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“. Das Abbild Gottes, eine Ikone Christi, die war und ist meine einzige wahre Essenz, die für mich das Maß aller Dinge ist, mein einziger Weg, der mir gegeben wurde. Jede Bewegung meiner Seele, jede Begegnung mit Gott, mit den Menschen, mit der Welt, wird durch diese Tauglichkeit definiert, das Abbild Gottes in mir zu manifestieren. Wenn mir zwei Wege vorliegen und ich zweifle daran, welchen zu wählen, wenn die ganze menschliche Weisheit, gesamte Erfahrung, Tradition, ja, Alles, mir den einen Weg zeigt, aber ich fühle, dass Christus auf dem anderen Weg gehen würde, dann müssen alle meine Zweifel sofort verschwinden und ich muss gehen entgegen der Erfahrung, Tradition und Weisheit und nur Christus folgen.

Aber außer meinem eigenen Gefühl, dass Christus mich berufen hat, auf einem bestimmten Weg zu gehen, müssen auch irgendwelche objektiven Hinweise geben sein, damit ich es wissen kann, dass ich keine Vorspiegelung gesehen habe, dass diese Offenbarung keine eigene, subjektive Vorstellung ist, die meine Emotionen verursacht haben. Es gibt auch ganz objektive Hinweise. Chrisus hat dem Menschen zwei Gebote hinterlassen – Gott zu lieben und die Menschen. Alles andere, sogar die Seligpreisungen, sind die Vertiefung und die Eröffnung des Sinnes von diesen beiden Geboten. Mehr als das, der irdische Weg Christi bestand darin, das Mysterium der Liebe zu Gott und zu  den Menschen zu offenbaren. Sie sind nicht nur das wahre, sondern das einzige Maß aller Dinge. Und  nur beide zusammen – die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Menschen – erfüllen das Gesetz.

Die Menschenliebe, getrennt von der Liebe zu Gott, bringt uns in die Sackgasse des antichristlichen Humanismus, der unvermeidlich auch auf die Liebe zum Menschen um der Menschheit Willen verzichtet. Und die Gottesliebe ohne Liebe zum Menschen ist verurteilt: „Heuchler, wie kannst du sagen, du liebst Gott, den du nicht siehst, und hasst deinen Bruder, den du siehst?“. Die beiden Lieben sind zwei Teile eines Ganzen. Zwei Gebote, zwei Aspekte einer Wahrheit – verzichte auf eine und du zerstörst die ganze Wahrheit. In der Tat, zerstöre die Menschliebe und du zerstörst den Menschen, weil, ohne ihn zu lieben, verneinst du ihn. Und damit zerstörst du auch den Weg der zur Erkenntnis Gottes führt.

So wird auch Gott völlig unzugänglich, weil, wenn du die Menschheit verneinst, verneinst du damit auch das Menschliche in deiner eigenen Seele, während das Menschliche in dir nichts anders als das Abbild Gottes in dir ist – und der einzige Weg um sein eigenes Urbild zu erkennen. Gar nicht zu erwähnen, dass es ein Mensch war, der in seiner menschlichen Sprache dich über die Wahrheit Gottes gelehrt hat. Weil Gott offenbart sich uns durch das Menschliche. Ohne Liebe zum Menschen, ohne eine Verbindung mit dem Menschlichen, verdammen wir uns selbst auf gewisse geistliche Blindheit und Taubheit in Bezug auf das Göttliche. In diesem Sinne ist nicht nur der Logos – das Wort – der Sohn Gottes, um uns zu erlösen, Mensch geworden und hat damit für alle Zeiten das Menschliche geheilt und es zum Gott-Werden vorbestimmt, sondern auch das Wort Gottes, das Evangelium, die Offenbarung und die Lehre hat auch Fleisch werden müssen – in den Worten, mit denen die Menschen ihre Gefühle, Zweifel, Gedanken, Tugenden und Sünden zum Ausdruck bringen. Die menschliche Rede ist ein Zeichen des inneren Lebens des Menschen und wird durch Christus auch geheilt und geheiligt – und wird zum Ausdruck des inneren Lebens des Menschen.

Anderseits, kann man keinen Menschen lieben, wenn man Gott nicht wahrlich liebt. In der Tat, was können wir im Menschen lieben, wenn wir in ihm nicht das Abbild Gottes erkennen können? Diese Liebe verwandelt sich in eine Art Super-Egoismus, denn in jedem Menschen sehe ich nur einen Teil von mir selbst – was ich in mir selbst erkenne. Ich liebe in Menschen das, was mir entspricht, was mich erweitert, was mich erklärt und öfters was mich einfach unterhält und mir Vergnügung schenkt.

In der Welt finden wir zwei Arten der Liebe – eine, die gibt und eine, die nimmt. Und das kann auf alle Arten der Liebe übertragen werden, nicht nur auf den Menschen bezogen. Jeder kann seinen Freund lieben, seine Familie, Kinder, Wissenschaft, Kunst, Heimat, eigene Ideen, sich selbst, sogar Gott – aus zwei verschiedenen Perspektiven. Sogar die höheren Arten der Liebe können zweiseitig betrachtet werden. Nehmen wir als Beispiel die Liebe einer Mutter. Die Mutter kann sich immer wieder vergessen, sich selbst opfern für ihre Kinder – das ist jedoch noch kein Zeichen dafür, dass sie ihre Kinder auf christliche Art liebt. Sie kann in ihren Kindern die Reflektion von sich selbst lieben, ihre zweite Jugend, die Erweiterung ihrer inneren Welt. Sie kann in ihren Kindern ihr eigenes Fleisch und Blut lieben, ihre Eigenschaften, ihre Vorlieben und ihre Abneigungen, die Fortsetzung ihres Geschlechts. Und dann kann man fragen, wo ist der Unterschied zwischen der egoistischen Liebe zu sich selbst und einer opfernden Liebe zu den eigenen Kindern. Das alles ist eine lustvolle Liebe zu seinem eigenen, eine Liebe die verblendet und blind macht, die einen zwingt, die Welt nicht mehr wahrzunehmen. Solche Mutter wird denken, dass die Eigenschaften ihrer Kinder in keinem Vergleich mit den anderen Kindern kommen, dass die Misserfolge und Krankheiten ihrer Kinder unvergleichlich mehr schmerzvoll sind, als bei den anderen Kindern, und dass man immer wieder das Wohlsein eines anderen Kindes opfern kann, um das Wohlsein des eigenen Kindes zu sichern. Sie wird denken, dass die ganze Welt – und sie natürlich auch –berufen ist, ihrem Kind zu dienen, es zu ernähren, zu erziehen, vor ihm alle Wege zu ebnen, alle Steine auf den Weg zu entfernen und zu zerstören alle seine Gegner. Das ist die egoistische Mutterliebe. Und nur die Mutterliebe, die in ihrem Kind das Abbild Gottes erkennt, das nicht nur diesem Kind hat, sondern allen Kindern zu Teil wurde, und dass eben dieses Kind ihr ganz persönlich von Gott anvertraut wurde, dass sie behüten und erziehen, und es zum unvermeidlichen Selbstopfer auf dem Weg der Nachfolge Christi, für seinen Kreuzweg vorbereiten muss – nur so eine Mutter liebt ihr Kind mit der christlichen Liebe. Diese Liebe wird sie auch mehr empathisch für die Sorgen anderer Kinder machen. Sie wird sie alle mit der Liebe Christi lieben können.

Diese zwei Aspekte können wir auch auf alle anderen Bereiche übertragen. Man kann egoistisch seine Heimat lieben und wünschen, dass sie sich entwickelt, siegt, zerstört ihre Gegner und Feinde. Man kann sie christlich lieben und alles tun, damit in ihr und durch sie Christus und Seine Wahrheit offenbart werden. Man kann egoistisch Wissenschaft und Kunst lieben und sie benutzen, um sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Man kann sie aber mit dem Bewusstsein seines Dienstes lieben, mit der Verantwortung für die von Gott empfangenen Gaben. Auch an Gott kann man sich mit zwei Arten der Liebe wenden – die eine wird in Ihm einen himmlischen Schützer und Gönner sehen, der meine oder unsere irdischen Gelüste und Leidenschaften stillen soll; die andere wird Ihm sich selbst opfern, sich selbst Ihm anvertrauen, sich selbst Ihm in Seine Hände hingeben. Und außer dass die beiden Arten mit demselben Wort „Liebe“ genannt werden, haben sie miteinander nichts Gemeinsames. Im Lichte dieser christlichen Liebe verstehen wir, zu was für einer Askese der Christ berufen wurde – die Selbstleugnung, die selbstopfernde Liebe zu Gott und zu den Menschen.  Askese, die davor Angst hat, sich selbst zu opfern, sich selbst zu verlieren, wenn auch in der Liebe – ist keine christliche Askese.

Welcher Weg wurde uns also gezeigt? Der gottmenschliche Weg, der Weg Christi auf der Erde. Das Wort ist Fleisch geworden, Gott wurde Mensch, wurde in Bethlehem geboren. Dies wäre schon genug, um über die grenzenlose, opfernde, selbstleugnerische, selbstdemütigende Liebe Christi zu sprechen. Sich selbst, Seine Göttlichkeit, Sein Gottsein brachte der Menschensohn in die arme Krippe in Bethlehem. Es gibt keine zwei Götter und keine zwei Christusse – den einen, der in der Seligkeit der Dreifaltigkeit weilt und den anderen, der wie ein Sklave geworden ist. Der einzige Sohn Gottes, der Logos, ist Mensch geworden. Und Sein weiterer Weg ist Predigt, Wunder, Prophezeiungen, Heilungen, Hunger, Durst, bis zum Gericht bei Pilatus, bis zu Seinem Kreuzweg, bis zu Golgatha, bis zum Tod – das ist der Weg Seiner erniedrigten Menschheit und gleichzeitig zusammen mit Ihm: zum Menschen herunter gekommener Gott.

Was für eine Liebe hat uns Christus gezeigt? Hat sie etwas gesammelt? Hat sie Acht auf ihre geistlichen Gaben gegeben? Hat sie etwas für sich behalten, war sie für etwas geizig? Die Menschheit Christi wurde bespuckt, verraten, gekreuzigt. Die Gottheit Christi wohnte aber mit der ganzen Kraft und manifestierte sich vollkommen in diesem bespuckten, verratenen, alleingelassenen und gekreuzigten Menschen. Das Kreuz wurde für die Welt zum Symbol dieser selbstopfernden Liebe. Und nirgendwo, weder in Bethlehem noch auf Golgatha, noch in Seinen Gleichnissen oder Seinen Wundern gab Er einen Anlass zu denken, dass Er sich nicht ganz opfern will und muss, dass in Ihm irgendeine Reserve bleibt, irgendein Allerheiligstes, das Er weder opfern will noch muss. Sein Allerheiligstes, Sein Gottsein, brachte Er als Opfer für die Sünden der Welt – und eben da sehen wir die ganze Kraft Seiner vollkommenen und göttlichen Liebe. Das ist das einzige, was uns Christus auf Seinem Weg auf der Erde gezeigt hat.

Aber vielleicht kann nur Gott so lieben, weil Gott sich selbst gar nicht veräußern oder verlieren kann, Er verschwindet nicht in diesem schrecklichen Opfer. Es reicht aber, wenn wir einfach aufmerksam das Lesen, was Er uns gelehrt hat: Wer Mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach.  Sich selbst zu verleugnen ist die Bedingung, ohne die die Nachfolge Christi nicht möglich ist. Ohne diese Selbstverleugnung gibt es kein Christentum. Wir werden gelehrt nichts für uns zu behalten, nichts aufzubewahren – und hier ist die Rede nicht nur von unseren irdischen und materiellen Gütern – sondern auch unsere geistlichen Güter, sind wir aufgefordert zu verwandeln in die Liebe Christi. Und dann sprach Er auch nicht nur von Seiner Liebe, sondern auch von der Liebe, die eine unvollkommene Menschheit verstehen kann: Es gibt keine größere Liebe, als wenn jemand seine Seele für seine Freunde hingibt. Christus spricht hier eben über die Seele, seine innere Welt hinzugeben, über ganze und unwiderrufliche Hingabe als Maß der christlichen Liebe. Hier gibt es auch keinen Platz, um eigene geistliche Schätze zu sammeln und aufzubewahren und zu hüten. Es wird alles hingegeben! Und Seine Jünger sind auf diesem Weg gegangen.

Wir haben genug Beispiele um zu wissen, wohin der Weg der Nachfolge Christi uns mitnimmt und führt. Der Weg der Nachfolge führt uns zur geistlichen Armut. In den Seligpreisungen wird uns das Himmelreich als Lohn für die geistliche Armut versprochen. Christus sagt nicht: „Selig sind die geistlich Armen, denn ihr reich werdet“, sondern Er sagt: „Denn euer ist das Himmelreich“. Dieses Gesetz ist so schwer zu verstehen, dass viele denken, dass die geistliche Armut entweder bedeutet, auf alle materiellen Dinge zu verzichten, während die anderen dies als eine intellektuelle Armut verstehen, als Verzicht auf das Denken, auf jeden denkenden Inhalt. Aber das Evangelium erklärt es deutlich genug. Geistlich arm ist derjenige, der sein Leben für das Leben seiner Freunde hingibt.

Und hier verstehen wir, was das monastische Gelübde der Armut wahrlich bedeutet. Natürlich bedeutet es nicht nur die materielle Armut. Es geht hier aber auch um die geistliche Armut. Was kommt als Gegensatz der Armut? Das sind Gier und Geiz. Man kann gierig sein, aber gleichzeitig nicht geizig, sondern sogar verschwenderisch.  Und man kann auch geizig sein, aber ohne es zu versuchen, sich auf verbotene Arten zu bereichern. Das Gelübde der Armut lehrt uns, dass wir  nicht nur gierig die Vorteile für unsere Seele suchen sollen, sondern dass wir auch nicht geizig sein sollen. Es lehrt uns die Liebe zu verschwenden, immer wieder uns nackt machen und seelisch verwüstet. So dass es nichts in unserem Leben gibt, was wir im Namen Jesu Christi nicht opfern könnten.

Die geistliche Armut ist der Weg der Narren um Christi Willen, der Weg des Wahnsinns und ein krasser Gegensatz zur ganzen Weisheit dieser Welt. Das ist was uns das Evangelium mit jedem Wort und mit jedem Laut lehrt. Die Welt ist nicht in der Lage diese Dinge zu verstehen, weil die Welt nach den materiellen Naturgesetzen lebt, und versucht diese Naturgesetze auf das geistliche Leben zu übertragen. Das materielle Gesetz besagt, dass wenn ich ein Stück Brot einem anderen gegeben habe, bin ich um dieses Stück Brot ärmer geworden. Wenn ich eine bestimmte Summe Geld jemandem gegeben habe, ist mein Geld um diese Summe weniger geworden ist. Also wenn ich jemandem meine Liebe schenke, werde ich um diese Liebe ärmer sein. Aber die geistlichen Gesetze widersprechen direkt den materiellen Gesetzen. Die geistlichen Gesetze lehren, dass jeder geistliche Reichtum, wenn er veräußert wird, nicht nur zurück kehrt, sondern wächst und stärker wird. Wer gibt, der bekommt, wer arm wird, der wird reich sein. Wir geben unsere menschlichen Schätze weg und stattdessen bekommen wir unbeschreibliche Gaben Gottes. Wer sein Leben verliert, der empfängt die ewige Seligkeit, die Gabe Gottes, das Himmelreich zu besitzen. Wenn man sich selbst verleugnet, begegnet man Christus. Das Mysterium der Menschenkommunion, indem man sich selbst opfert und verschenkt, wird zur Gotteskommunion. Alles was wir geben wird uns zurück gegeben, die Liebe wird nie weniger, weil sie springt aus der boden- und endlosen Quelle der Liebe – aus Christus in unserem Herzen. Es geht hier nicht um die guten Taten, nicht um eine Liebe, die rechnet und misst ihre Möglichkeiten, eine Liebe die die Dividenden ausgibt, während sie ihr Vermögen hütet und schützt – nein, hier geht es um die Selbstveräußerung, so wie Christus sich selbst veräußert hat, als Er Mensch geworden ist. So müssen auch wir uns bis zum Ende in eine anderen Seele veräußern, indem wir ihr die ganze Kraft des göttlichen Abbildes schenken, die in uns lebt. Und das ist genau das, was von der weltlichen Weisheit als der Wahnsinn verstanden wurde, weil die geistlichen Gesetze den weltlichen Gesetzen direkt widersprechen. Das ist das, was uns im Kreuz offenbart wurde – Wahnsinn für die Griechen und Stolperstein für die Juden; und für uns – der einzige Weg der Erlösung. Und es gibt kein Zweifel, wenn wir uns dem Armen, Kranken, Gefangenen schenken, begegnen wir Christus selbst. Er hat uns selbst darüber im Gleichnis gelehrt, als Er über das schreckliche Gericht sprach und über die Menschen, die Ihm immer wieder die Liebe gezeigt haben, in Gestalt jedes unglücklichen und benachteiligten Menschen, in denen Er sich uns offenbart hat. Diesen Menschen wird Er Sein Reich schenken. Und die anderen wird Er weg schicken, weil sie Ihm, Christus, keine Liebe und keine Barmherzigkeit gezeigt haben.

Und wenn wir daran zweifeln, weil unsere Erfahrung des Alltags etwas diametral anderes beweist, liegt es nur an uns, an unseren lieblosen Herzen, an unseren geizigen Seelen, an unserem faulen Willen, an unserem Kleinglauben an Seine Hilfe – denn wir müssen wirklich Narren um Christi willen werden, wenn wir den Weg bis zu Ende schaffen wollen. Eben darin liegt unsere wahre Berufung als Christen. Ich denke, das ist es, was der Weg der evangelischen Frömmigkeit bedeutet. Diese evangelische Frömmigkeit ist immer in der Welt und ist uns immer zugänglich. Sie erfüllt sich die ganze Zeit in der Welt – und wir begegnen ihr vor allem in der heiligen Eucharistie – dem wichtigsten Schatz und der größten Kraft, die der Kirche auf der Erde anvertraut wurde. Weil die Eucharistie das Mysterium der selbstveräußerten Liebe ist. Darin liegt ihre ganze Kraft. In der heiligen Eucharistie kommt Christus freiwillig zu uns, um die Sünden der Welt auf sich zu nehmen und nagelt sie auf Sein Kreuz. Indem Er uns Seinen Leib zum Essen und Sein Blut zum Trinken gibt, rettet Er damit nicht nur die Welt, sondern verwandelt jeden von uns in sich Selbst. Er nimmt den menschlichen Leib und verklärt ihn zum himmlischen Leib. Christus erhöht die ganze Welt auf Sein Kreuz und macht sie fähig, an Seinen Leiden und an Seiner Herrlichkeit Teil zu haben. In diesem Sinne ist die heilige Eucharistie das Evangelium im Wirken.

Und wenn im Kern der Kirche dieses eucharistische Geschehen steht, wo sind dann ihre Grenzen, ihre Peripherie?  In diesem Sinne können wir vom Christentum sprechen, als von einer ununterbrochenen göttlichen Liturgie, die überall und immer gefeiert wird. Das bedeutet, dass dieses Mysterium, dieses Opfer nicht nur auf dem Altar dargebracht wird, sondern auch in unseren Herzen, weil die ganze Welt ein einziger kosmischer Altar ist, der im Tempel des Universums steht. So wie Brot und Weil sollen wir unsere Herzen zum Opfer bringen, damit sie in die Liebe Christi verwandelt werden, damit Er in unseren Herzen geboren werden kann, damit unsere Herzen zu gottmenschlichen Herzen werden. So wird Christus wahrlich zum Alles und in Allem. Das ist der Weg der unendlichen christlichen Liebe, der Weg des Gottwerdens, so wie das Evangelium ihn uns zeigt. Das ist der Weg des Christen und im Vergleich mit diesem Weg verlieren alle anderen Wege ihren Glanz. Wir dürfen keinen Menschen richten, der sich für einen anderen Weg entscheidet, der kein so großes Opfer verlangt, der das Geheimnis der Liebe nicht offenbart. Aber wir dürfen auch nicht schweigen. Vielleicht konnten wir früher schweigen, aber heute nicht. Uns erwarten schreckliche Zeiten, die Welt stöhnt unter ihren Wunden und Krankheiten, verlangt derartig nach Christentum und ist gleichzeitig so weit vom Christentum entfernt, sodass das Christentum es sich nicht mehr erlauben kann, der Welt ein verzerrtes und unwahres Gesicht zu zeigen. Wir müssen das Feuer der Liebe Christi wieder in der Welt entzünden! Und möge es den neuen Griechen ein Wahnsinn und den neuen Juden ein Stolperstein sein – für uns bleibt das Kreuz die einzige Kraft und die einzige Weisheit Gottes. Möge es so sein, dass wir zur geistlichen Armut, zur Narrheit und zum Wahnsinn um Christi willen, zu Verfolgungen und zu Beleidigungen berufen sind – wir wissen, das ist die christliche Berufung, die uns vom verfolgten, ausgelachten, armen Christus gegeben wurde. Und wir glauben dabei nicht nur an die künftige Seligkeit – sondern erleben sie schon hier und jetzt, mitten in dieser grauen und verzweifelten Welt – wenn wir mit Gottes Hilfe und Seinem Gebot folgend, uns selbst vergessen und uns selbst verleugnen – wenn wir unsere Seele für die Seele unsere Freunde opfern, wenn wir in der Liebe keine eigenen Vorteile suchen.

(Übersetzt von P. Ignatius)

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