Zwei Quellen

„Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das Ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das Ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt“ (Joh 4,13-14).

Die samaritische Frau kam zum Brunnen um Wasser zu schöpfen. Aber dieses Wasser konnte ihren Durst nie stillen. So musste sie immer wieder zum Brunnen gehen. Ohne Ende. Wir erfahren, dass diese Frau auch schon fünf Mal verheiratet war. Und jetzt lebte sie mit einem Mann ohne ihn geheiratet zu haben. Also war sie eine Frau, die mit dem ersten besten nicht wirklich zufrieden war. Sie wollte das Beste. Sie wusste, dass es etwas „mehr“ geben muss. Sie spürte, dass das was sie schon gefunden hat, noch nicht das Ende ist. Sie war eine suchende und mutige Frau. Sie wollte immer eine neue Chance benutzen. Sie war mit ihrem „Schicksal“ nicht einverstanden. Sie wollte mehr. Und wahrscheinlich ausgerechnet weil sie so viel Mut hatte, weil sie keinen menschlichen Konventionen folgte (fünf Mal verheiratet zu sein ist sogar in unserer Zeit ein wenig zu viel – und wie war das vor 2000 Jahren?), weil sie Mehr wollte, durfte sie auch Christus begegnen. Aber wie die meisten weltlichen Menschen, sie suchte – aber sie suchte notorisch an den falschen Orten und verwendete notorisch die falschen Mittel.

Diese Frau ist ein Prototyp eines weltlichen Menschen. Und sie ist auch ein Prototyp eines weltlichen Christen. Der weltliche Mensch sucht mit allen Mitteln seinen Durst zu stillen. Aber alle Mittel an die er zugreift, befriedigen ihn nur für eine sehr kurze Zeit. Und bald muss er schon wieder zum „Brunnen“ laufen, um wieder „Wasser“ das seinen Durst nie stillen kann, zu schöpfen. Und so lebenslang. Was für eine arme, unerfüllte Existenz! Es scheint mir, dass diese samaritische Frau schon alles, was ihr zur Verfügung gestanden hat, ausprobiert hat. Und trotzdem hat es sie nirgendwohin gebracht. Die „fünf Männer“ mit denen sie verheiratet war, erklären die heiligen Väter, sind auch ein Bild der fünf menschlichen Sinne. Diese Frau hat ein sehr sinnliches Leben geführt. Aber all das konnte ihren Durst nicht stillen. Nicht ganz. Nur für eine kurze Zeit.

Sehr viele Menschen, die meisten vielleicht, versuchen auch heute ihren Durst mit den materiellen und weltlichen Dingen zu stillen. Sie erleben eine kurze Freude, eine kurze Befriedigung, jedes Mal wenn sie sich etwas Neues kaufen oder einen weiteren Schritt in ihrem beruflichen oder privaten Leben machen. Aber nach einer kurzen Zeit ist die Freude wieder vorbei. Alles was bleibt ist die sehr wohl bekannte Leere, die dringend wieder mit irgendetwas erfüllt werden muss. Menschen häufen für sich Aufgaben und Beschäftigungen, sie setzen vor sich Ziele, sie arbeiten sich kaputt und verwandeln sich immer wieder zu Sklaven ihres eigenen Besitzes. Nicht so viel profitieren sie von ihrem Besitz, wie sie für seinen Unterhalt arbeiten müssen. Sie müssen Geld verdienen, um die Dinge die sie schon haben, zu unterhalten. Und diese Menschen leben auch immer in der Zukunft – sie denken, wenn sie endlich ihr Haus abbezahlt haben, wenn sie genug Geld gesammelt haben, wenn sie in die Rente gehen, wird das eigentliche Leben, das sie sich wünschen und vorstellen, endlich anfangen kann. Eine große Täuschung und eine schreckliche Illusion.

Die Interessen dieser Welt stehen im direkten Widerspruch zu Interessen des Himmelsreichs. So spricht unser Herr, dass ein Reicher nicht in das Himmelreich kommen wird. Es sei einfacher für einen Kamel durch die Nadelohrpforte zu kommen, als für einen Reichen in das Himmelreich zu kommen. Warum? Weil ein reicher Mensch keine Zeit für das Himmelreich hat. Ohne es zu verstehen oder zu erkennen, er ist und bleibt ein Sklave seines Reichtums. Wie auch prachtvoll sein Palast sein kann, ist er nichts anders als ein luxuriöses Gefängnis. Seine ganze Zeit muss er daran investieren, seinen Besitz zu unterhalten, dafür zu sorgen, Dinge zu organisieren. Ein Reicher wird nicht einmal nah an Himmelreich kommen, weil er dafür weder Zeit noch Kraft haben wird. Alle seine Ressourcen sind schon gebunden. Das gilt natürlich auch die Institutionen und gewiss auch die Kirchen, die reich geworden sind. Nur wer nichts besitzt ist frei um Christus zu folgen. Nicht einmal seinen eigenen „ICH“ darf der Junge Christi „besitzen“. Alles muss Gott in absoluter Hingabe dargebracht werden. Nichts darf für sich zurückgehalten werden.

Nun, die ganze Tragödie der Menschheit ist eben dass ihr Reichtum und ihr Erfolg und alles was sie sonst im Leben bekommen können, sie niemals befriedigen kann. Sie können die perfekten und harmonischen Familien haben, eine glänzende Karriere gemacht haben, alle ihre Wünsche und Träume erfüllt haben – trotzdem bleibt eine schreckliche Leere, die nichts erfüllen kann und die sich wie ein Phantom immer wieder auftaucht und das Leben versaut. Aber wer aus der weltlichen Quelle schöpft, wird nie seinen Durst stillen können.

Es gibt jedoch eine andere Quelle – diese Quelle ist Jesus Christus selbst. Nur in Gott können unsere Seelen Frieden und Ruhe finden. Nur in Gott bekommt unser Leben überhaupt einen Sinn. Wasser, das Christus uns gibt, wird zur Quelle in uns – zur Quelle des ewigen Lebens. Ein Christ ist ein Mensch, der nur noch Gott will. Und nichts außer Gott. Warum? Weil in Gott hat er alles und ohne Gott hat er nichts. Aber wirklich nichts. Denn alles was die Welt dem Menschen bietet ist eine Illusion, sie hat keine Substanz, sie ist wie Rauch. Das bezeugen alle unsere heiligen Väter und Mütter. „Wer Gott hat, der hat ALLES. Gott ALLEIN genügt“, schreibt hl. Teresa von Avila. Wer Gott hat, der braucht auch nichts Weltliches mehr. Er ist wirklich frei, weil Christus ihn befreit hat; er ist frei, weil er nichts zu verlieren hat. In ihm, in seinem Herzen, sprudelt die Quelle des ewigen Lebens, die Quelle der Ewigkeit! Ja, Gott allein genügt. Ihm sei Lob und Dank jetzt und in alle Ewigkeit!

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