Auszüge aus dem Buch der hl. Maria von Paris – Teil 4 – Asketische Frömmigkeit

Die asketische Frömmigkeit

Die asketische Art des religiösen Lebens finden wir nicht nur im Christentum. Asketische Frömmigkeit existierte in allen Epochen und existiert in absolut allen Religionen. Damit können wir feststellen, dass die Askese ein Ausdruck von wirklich existenziellen Fähigkeiten des menschlichen Geistes ist. Nicht nur für das Christentum ist die Askese charakteristisch. Die Askese ist charakterisiert im allgemeinen auch für den Hinduismus, für den Islam; wir finden sie auch im antiken Heidentum und mehr als das, wir begegnen der Askese auch in den nicht-religiösen Bereichen – so wie etwa in den revolutionären Strömungen des 19. Jahrhunderts.

Gleichzeitig können wir feststellen, dass die Perioden des Kirchenlebens, die nicht von der Askese dominiert und durchdrungen wurden, Perioden des Abfalls vom Glauben waren, der Faulheit, der Geistlosigkeit.  Genau so wie die Perioden der außenkirchlichen Geschichte, die von der Askese nicht geprägt wurden, zeugen mit lauter Stimme von ihrer eigenen Fruchtlosigkeit und Sterilität. Das religiöse Leben ist demzufolge auch immer asketisch, weil es von den Menschen verlangt, alles zu opfern in Namen der höheren geistlichen Werte. Genau so ist das kreative Leben auch immer asketisch in seinem Kern, weil auch die Kunst den Menschen auffordert, alles zu opfern in Namen der künstlerischen Werte. Wir können sagen, dass die Askese in der Kirche immer lebendig war, auch wenn es Zeiten gab, als die Askese nur von sehr wenigen Menschen praktiziert wurde, während die Kirche selbst gänzlich anti-asketisch war. Deswegen können wir die asketische Frömmigkeit nicht in eine Reihe mit den anderen Arten der Frömmigkeit, über die wir schon gesprochen haben, stellen. Alle anderen entwickelten sich mehr oder weniger zufällig. Die Askese berührt jedoch die ewige Tiefe des religiösen Lebens und springt aus dieser Tiefe heraus. Der christliche Glaube ist deswegen ohne Askese unmöglich. Aber es gibt noch eine Art der Askese, über die wir hier sprechen wollen, die ihre Wurzel in der östlichen Religion hat und sie wurde ins Christentum mehr oder weniger exportiert.

Der Unterschied zwischen diesen zwei Arten des asketischen Lebens besteht nicht in den Methoden und Techniken, wie die Askese in das Leben integriert und praktiziert werden kann. Der wichtigste Unterschied besteht in der Frage, warum und um was zu erreichen beginnt der Mensch seine asketische Praxis. Es kann sehr viele unterschiedliche Motivationen dafür geben und längst nicht alle sind mit dem Christentum in vollen Maßen vereinbar. Und es gibt sogar Motivationen, die im direkten Widerspruch zum Christentum stehen. Mit ihnen wollen wir anfangen. Die sind charakteristisch für den Hinduismus, sie dienen als Grundlage für Yoga, in unserer Zeit sind sie ein fester Bestandteil der Lehre aller möglichen okkulten Gruppen, in der Theosophie und in der Anthroposophie. Die Motivation dafür ist, geistliche Kraft zu erlangen. Askese ist ein psychophysisches System von Übungen, die beherrschen und verändern die menschliche Natur und lenken sie auf den Weg, wo sie neue Fähigkeiten entwickeln kann und die seelischen Kräfte und manchmal auch die Natur sich unterordnen können. Dank diesen Übungen kann der Mensch seinen Körper beherrschen, man kann in sich selbst enorme psychische Veränderungen bewirken, man kann über die Materie und über den Geist herrschen.

Genau so wie ein Akrobat üben muss, um die Fähigkeiten seines Körpers zu entwickeln und zu erweitern, genau so wie ein Sportler diszipliniert einem bestimmten Regime und System folgen muss, um seine Muskelmasse zu entwickeln und die Kraft zu akkumulieren,  so wie ein Sänger üben muss, um seine Stimme zu entwickeln, genau so muss ein Asket bestimmten Verordnungen folgen und sie erfüllen, er muss üben, dieselben Übungen immer wieder wiederholen, sich an eine bestimmte Diät halten, seine Zeit sinnvoll verbringen, seine Gewohnheiten reduzieren und einschränken, um die maximale Kraft zu erreichen, die ihm von der Natur zugeteilt wurde. Das Ziel dieser Art der Askese liegt im Akkumulieren und im Sammeln der Naturschätze, sie zu entwickeln und sie anzuwenden. Ein solcher Asket erwartet keine Transzendenz, er will seine menschliche Natur maximal entwickeln aber er erwartet keine neue, göttliche Natur. Er weiß aber, dass in diesem begrenzten Naturbereich noch längst nicht alles ausgeschöpft wurde, dass seine Möglichkeiten enorm sind, dass in diesem irdischen Bereich man eine enorme Kraft erlangen kann und eine unendliche Macht über alles was lebt und atmet. Die Naturkräfte sind enorm aber in sich nicht unbegrenzt. Es existiert keine unerschöpfliche, bodenlose Quelle der Kraft. Deswegen muss der okkulte Asket immer sammeln und immer akkumulieren, behüten, wachsen lassen. Und auf diesem Weg sind  wahrlich enorme Möglichkeiten vorhanden, man kann auf diesem Weg enorm viel erreichen. Und was können wir diesem geistlichen Naturalismus entgegenstellen?

Das einzige, was diese Art der Askese übertrifft ist die Lehre über die geistliche Armut, über die Selbstveräußerung, über das Weggeben, über die Verschwendung der geistlichen Kräfte, über diese enorme Armut Christi. Die einzige Askese, die mehr Kraft hat als die, von der wir gesprochen haben, ist in den Worten: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“. Diese Worte beschreiben und bestimmen die ganze Essenz der christlichen Seele und christliches Verständnis der Kraft, die in der menschlichen Natur verborgen ist. Aber die christliche Askese wurde durch die okkulte, östliche Askese infiziert und beeinflusst. Ganz besonders spürbar ist der Einfluss der antiken syrischen okkulten Schulen. Wir sollen diesen Einfluss und seine Bedeutung keinesfalls übertreiben – aber er existiert.

Es gibt auch eine andere Art der Askese, in dem das Bestreben, die hohen geistlichen Ziele zu erreichen zum Selbstzweck wird. Der Mensch übt sich in der Askese nicht weil er darin von etwas befreit wird oder etwas dadurch erlangt, sondern einfach weil das schwer ist und weil es ihn eine Anstrengung kostet. Diese Übungen verändern weder sein Leben noch seine Umwelt, noch bringen sie ihn weiter auf seinem geistlichen Weg. Er übt die Askese um der Askese Willen. Das ist natürlich eine Perversität des asketischen Weges.

Aber alles was wir schon beschrieben haben, sind nur Kleinigkeiten im Vergleich mit dem Hauptkonflikt, der dem ganzen christlichen Weltverständnis widerspricht. Es handelt sich um die essenziellen christlichen Werte, um den Kern des Christentums. Wir sprechen hier über die Erlösung, die Rettung der Seelen. Zweifellos, dass ein wahres christliches Leben als seine reife Frucht die Rettung der Seele mit sich bringt. Die Kirche verehrt ihre Heiligen, Märtyrer, Bekenner, – Menschen, die den Weg vor uns gegangen sind. Das Evangelium und die Kirche lehren, dass das Himmelreich mit der Kraft, mit Einsatz genommen wird. Dass wir uns anstrengen müssen, wenn wir ins Himmelreich kommen wollen. Das lehren Christen der verschiedensten Konfessionen. Aber in diesen Begriff werden zwei gänzlich verschiedene Deutungen, zwei verschiedene Inhalte gelegt, die zu verschiedenen ethischen Normen und moralischen Gesetzen führen. Und wir müssen hier auch erwähnen, dass beide Deutungen durch die Heiligen repräsentiert werden und beide ihren Platz haben in der Kirchengeschichte und in der Erfahrung der Kirche. Lesen Sie Philokalie, oder studieren Sie die Pateriks und Sie werden sofort merken, dass Sie sich in einer riesigen Schule der christlichen Askese befinden. Sie müssen  nur noch ihre Gesetze und ihre Dynamik verstehen, damit Sie auf dem Weg der Askese gehen können.

Was sind das für Gesetze? Der Mensch, der auf sich den ganzen Fluch der Erbsünde trägt und zur Erlösung durch das Blut Christi berufen wurde, hat nur noch ein einziges Ziel vor sich – die Rettung seiner eigenen Seele. Dieses Ziel bestimmt alles im Leben, dieses Ziel bestimmt die Einstellung zu allem, was den Menschen auf diesem Weg hindert, es bestimmt und rechtfertigt alle Mittel, um dieses Ziel zu erreichen. Der Mensch auf der Erde ist am Anfang des unendlichen Weges, der zu Gott führt, gesetzt. Und alles ist entweder etwas, was ihn auf diesem Weg fördert und weiter bringt oder ihn hindert und ihn zurückhält. Es geht nur um Ihn – um meinen ewigen Schöpfer und um mich, um meine elende Seele, die nach Gott verlangen sollte. Welche Mittel wurden uns auf diesem Weg zur Verfügung gestellt? Als allererstes ist die asketische Tötung des Leibes – des alten Lebens – das Gebet und Fasten, das ist unser Verzicht auf alle weltlichen Werte und Anhänglichkeiten. Das ist der Gehorsam, der auch unseren sündigen Willen tötet, wie das Fasten die sündhafte fleischliche Begierde tötet. Aber unsere Seele muss nur mit einem erfüllt werden – mit dem Anstreben unseres Heils. Diese Welt ist einer Art Laboratorium, ein Übungsfeld, an dem ich in meinen Gehorsam üben soll und auf meinen eigenen Willen verzichten muss. Ob Boden wischen, Kartoffeln graben, Kranke pflegen, in der Kirche dienen oder das Evangelium predigen, alles muss ich genau so gut, demütig, leidenschaftslos machen – das alles sind die Übungen, meinem eigenen Willen zu entsagen und auf dem steilen, harten und steinigen Weg zu gehen, der mich zurück zu Gott führt.

Ich muss mich auch in den Tugenden üben und deswegen muss ich die Taten der christlichen Liebe tun. Die christliche Liebe ist ein Aspekt des Gehorsams – uns wurde befohlen zu lieben und deswegen müssen wir lieben. Und das Maß der Liebe ist klar – egal was ich mache, muss ich immer nur an das einzige denken, dass der einzige Sinn des Lebens, das einzige Ziel im Leben, die einzige Aufgabe der menschlichen Seele ist gerettet zu werden. Liebe hilft mir gerettet zu werden, deswegen brauche ich sie nicht mäßigen oder vermindern, auch wenn sie mich nicht bereichert, sondern eher bestiehlt meine geistliche Welt. Liebe ist genau so eine fromme Übung, wie jede andere äußere Tätigkeit. Das einzige was zählt ist, dass ich Gott gehorsam bleibe, meine Verbindung mit Gott, meine Zuwendung um Seine ewige Güte zu betrachten. Die Welt kann in der Sünde leben, von ihren Krankheiten zerrissen sein – das alles ist nichts im Vergleich mit dem unveränderlichen Licht der göttlichen Vollkommenheit. Und diese Welt ist nur eine Bühne, auf der ich mein eigenes Abbild des lebendigen Gottes wiederherstellen muss.

Wer kann auf die Idee kommen, dass ich der Welt irgendetwas geben kann? Ich bin ein nichts, verwundet durch die Erbsünde, geplagt durch eigene Unreinheiten und Sünden. Mein Blick ist auf meine innere Welt gerichtet und sieht nichts außer Ekel, eigene Hässlichkeit, eigene Krankheiten. Über sie muss ich nachdenken, über sie muss ich weinen und Buße tun, so dass ich alle Hindernisse zerstöre, die mich von der Rettung meiner Seele abhalten.

Auf diesem Weg lauern jedoch auch ganz große Gefahren. „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“. Die Askese darf nicht in eine Form des subtilen Egoismus verwandelt werden. Denn die Welt verlassen kann man nicht nur aus religiösen Motiven. Die Herrscher und die Könige dieser Welt sind auch von dieser Welt abgesondert – durch eine Wand der abwesenden Liebe. Sie trennen sich von der Welt und von den Menschen, um ihre Ziele zu erreichen, um ihren Komfort zu sichern, um ihre Seelenruhe nicht zu stören.

Je „weltlicher“ und sündiger ist die Welt, desto größer ist unser Wunsch diese Welt zu verlassen, desto schwerer ihre verwundete, hässliche Gestalt zu lieben. Je schwerer ist der Weg in der Welt, desto größer die Sehnsucht nach den einsamen Höhen ist. Die Welt in unserer Zeit ist wirklich nicht förderlich, sondern direkt hinderlich für die Seele eines Asketen. Und so ist es klug, die Welt zu vermeiden und sich selbst zu hüten. Aber auch wenn wir aus dem Tal dieser Welt herausgeführt werden und auf einem hohen Berg unseren Wohnsitz nehmen, dürfen wir die anderen Seelen auch nicht vergessen.

Diese Welt hat genug Eigenschaften, die sie für den Menschen, der danach verlangt, den asketischen Weg zu gehen, und seine eigene Seele sowie die Seelen seines Nächsten zu retten, völlig unerträglich machen. Wir stehen an der Schwelle eines neuen Krieges, der Geist der Freiheit wird ausgelöscht, überall geschehen Revolutionen, entstehen neue Diktaturen, Kastenhass, Abwendung von der Moral und Ethik – es gibt wohl keine gesellschaftlichen Krankheiten, an denen unsere Welt heute nicht erkrankt wäre. Und trotz all dem, sind wir von einer Menschenmasse umgegeben, die das alles nicht sehen will, die die ganze Tragödie dieser Epoche gar nicht wahrnimmt oder versteht. Ganz im Gegenteil, die Menschen sind selbstzufrieden, sie haben keine Zweifel, sie sind geistlich und physisch gesättigt, vielleicht sogar übersättigt. Es ist kein Fest während der Pest. Das Fest während der Pest ist anders – dort ist nur ein Schritt, nur eine Bewegung bis zu Buße, Reue und Umkehr. Und wenn auf diesem Fest plötzlich ein Mensch auftaucht, der seine Liebe schenken möchte, wird es ihm nicht schwer fallen, die Worte des Rufes und der Liebe, sowie die dankbaren Zuhörer zu finden. Heute dagegen zählt  jeder sein eigenes Geld, das man am Tag verdient hat und geht abends ins Kino. Es gibt gar nicht die Rede über den Mut der Verzweiflung – es herrscht stattdessen eine absolute Zufriedenheit, absolute seelische Ruhe. Wir können es uns sparen, über die Tragödie des psychologischen Zustandes des Menschen zu reden. Und jeder feuriger Prophet, jeder Prediger wird in Ratlosigkeit geraten: von welcher Seite sollte er sich an den Tisch im Cafe zusetzen, wie kann er den Börsenkurs durchleuchten, wie kann er diese klebrige Masse, die um die Seele der modernen Menschen gewachsen hat, brechen? Er ist berufen, „durchs Wort die Herzen zu entzünden“ – aber hier liegt das ganze Problem, dass die menschlichen Herzen mit einer dicken Schicht des feuerfesten Stoffes umwoben sind – das brennst du einfach nicht durch. Antworten auf ihre Zweifel zu haben? Aber sie zweifeln im Grunde genommen an nichts. Sie zur Umkehr zu rufen? Aber sie sind alle überzeugt in ihrer eigenen kleinen Tugend und fühlen sich nicht schlechter als alle anderen. Zu versuchen, ihnen die Schrecken des kommenden Gerichts und der Schmerzen von Gott getrennt zu sein, auszumahlen? Ihnen über die Seligkeit der Gerechten zu erzählen? Aber sie glauben gar nicht daran – weder an die Schrecken, genau so wenig wie an die Seligkeit. Und außerdem sind sie mit der Seligkeit ihres Zeitalters völlig zufrieden. Diese Bewegungslosigkeit, Stagnierung, Selbstzufriedenheit und Wohlstand des modernen Menschen sind ganz besonders schwer zu lieben. Denn dieser Zustand ruft in uns eher Ratlosigkeit als  Mitleid hervor. Deswegen gibt es auch ganz gute Gründe, sich eben für den asketischen Weg zu entscheiden, weil die Chancen, etwas in dieser kleinen Welt durch unsere Engagement in der Welt zu verändern viel zu gering sind. Aber auf dem asketischen Weg müssen wir sehr aufpassen, von den geistlichen Gaben nicht selbst vergiftet zu werden. Nicht dass wir uns anvertraute Talente begraben, statt sie zu benutzen. Damit unsere Askese nicht zum Selbstzweck und damit nicht zum Egozentrismus wird. Denn Egozentrismus führt immer zur Selbstvergiftung, man wird übersättigt, man kann die Nahrung und die Gaben nicht länger in sich integrieren. Geistlicher  Egonzentrismus ist diesem Gesetz untergeordnet und diese Selbstvergiftung mit den geistlichen Gaben kann auch unter Umständen zum geistlichen Tod führen.

Das ist vielleicht das aller Gefährlichste was dem Menschen auf dem Weg der Askese geschehen kann. Ganz besonders gefährlich, weil die wahren Werte durch die unwahren Werte auf einer sehr subtilen Ebene umgetauscht werden. Der Kern des Christentums liegt nicht in der Askese. Auch wenn es ohne Askese nicht existieren kann. Genau so wie die Askese ohne Liebe uns nichts nützen kann.

(Übersetzt von P. Ignatius)

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