Durch Glauben, nicht durch Schauen

„Denn das schnell vorübergehende Leichte unserer Bedrängnis bewirkt uns ein über die Maßen überreiches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit, da wir nicht das Sichtbare anschauen, sondern das Unsichtbare; denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare aber ewig“ (2 Kor 4,17.18).

„Denn wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen“ (2 Kor 4,7).

Der christliche Glaube, die Vergöttlichung der menschlichen Natur (Theosis), die Nachfolge Christi und an sich schon ein Christ – ein Jünger und Freund Christi – zu sein, gehört zum Bereich von menschlich gesehen „unmöglichen Dingen“. Aber das ist genau wo der Glaube beginnt – an der Stelle, wo unser Sicht aufhört. Der Weg der Nachfolge Christi liegt jenseits der Schwelle des Möglichen, des Denkbaren, des Vorstellbaren. Und das ist eine enorme Tragödie, wenn die Menschen den christlichen Glauben und der Wandel mit Gott auf das Weltliche, Menschliche,  „Mögliche“ reduzieren. So entsteht die weltliche oder verweltlichte „Kirche“, eine Religion oder ein Kult, der mit dem Christentum, dem lebendigen Leib Christi, ganz und gar nichts zu tun hat.

Ein Christ lebt nicht in dieser Welt, weil er für die Welt und für alles Weltliche gestorben ist – im buchstäblichen Sinne des Wortes. Es ist sehr arm zu denken, der Tod bedeute nur das Ende der physischen, körperlichen Existenz. Ein Christ stirbt für diese Welt, indem er sich von allem weltlichen befreit, er hört auf in dieser Welt zu existieren. Sein Leben ist nur noch im Christus verborgen – in Dem und durch Den er lebt. Er ist auferstanden für ein neues Leben. So lebt ein Christ in einer eschatalogischen Dimension, nach Gottes Gesetzen und nicht nach den Gesetzen dieser Welt. So wird er ein Teil des Heiligen Volkes – des Leibes Christi. Und sein Leben unterscheidet sich auf eine radikale Art vom Leben der weltlichen Menschen. So schreibt der hl. Makarios der Ägypter: „Als Gott Adam schuf, gab Er ihm keine Flügel wie den Vögeln, sondern rüstete ihn mit den Flügeln des Heiligen Geistes aus. Diese Flügel wird Gott ihm bei seiner Auferstehung wieder geben, um ihn emporzuheben und ihn zu lenken, wie es dem Heiligen Geist gefällt. Diese Flügel bekommen jedoch die Heiligen schon während ihres Lebens auf der Erde, sodass sie in ihrem Geist in die Welt der himmlischen Gedanken fliegen können. Denn Christen leben in einer anderen Welt, sie speisen von einem anderen Tisch, sie tragen andere Kleidung, sie freuen sich über eine andere Art von Unterhaltung, sie sprechen anders und sie haben einen anderen Geist in sich.“

Ein Christ weiß, dass Er vom Christus selbst aus der Sklaverei der Sünde und dieser Welt freigekauft wurde. Christus hat für ihn mit Seinem heiligen Blut bezahlt. Er hat die Sünden jeder einzelnen von uns auf sich genommen – damit wir jetzt vor Gott gerechtfertigt werden können – und Christus folgen. Das ist die Tatsache. Für uns wurde der volle Preis bezahlt. Wir sind freigekauft – also kann die Welt kein mehr Anspruch auf uns haben. Wir dürfen unser Gefängnis verlassen, alle Illusionen der Welt von uns abschütteln und Christus folgen – auf Seinem Kreuzweg, zu Golgatha, zu Auferstehung und zur Verwandlung unserer durch die Erbsünde gefallene Natur zurück in die Natur Christi – in das Abbild des lebendigen Gottes, Wessen Abbild wir berufen sind zu sein!

Ein Christ ist ein Mensch, der nicht von dieser Welt ist. Er ist jemand, der die Welt gänzlich hinter sich gelassen hat. Und so schreibt der hl. Basilius: „Da unser Herr Jesus Christus nach öfterem und durch viele Taten bekräftigtem Hinweis zu allen sagt: „Wenn jemand zu mir kommen will, so verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24), und wiederum: „Also kann keiner von euch, welcher nicht allem, was ihm eigen ist, entsagt, mein Jünger sein“ (Lk 14,33), so glauben wir, dass sich dieses Gebot auf mehreres erstreckt, dem man entsagen muss. Vor allem entsagen wir gewiss dem Teufel und den Begierden des Fleisches, indem wir den verborgenen Schändlichkeiten, den leiblichen Verwandschaften, menschlichen Freundschaften und dem gewöhnlichen Leben entsagt haben, das der Vollkommenheit des Evangeliums des Heils widerstreitet. Aber notwendiger als dies alles ist, sich selbst zu entsagen und den alten Menschen, „der da verderbt ist in den Begierden der Täuschung“ (Eph 4,22), mit seinen Werken auszuziehen. Auch allem Verfallensein an Weltliches, das dem Zweck der Frömmigkeit hinderlich sein kann, ist zu entsagen. Für seine wahren Eltern wird ein solcher jene halten, die ihn in Jesus Christus durch das Evangelium geboren, für seine Brüder jene, die denselben Geist der Kindschaft empfangen haben; allen Besitz aber wird er als fremdes Gut erachten, was er auch wirklich ist. Mit einem Wort, wie kann der, dem um Christi Willen die ganze Welt und der selbst der Welt gekreuzigt ist, an den Sorgen der Welt Anteil nehmen? Wenn auch unser Herr deutlich spricht: „Wenn jemand zu mir kommt und seinen Vater, seine Mutter, sein Weib, seine Kinder seine Brüder und Schwestern nicht hasst, ja, sogar seine eigene Seele, der kann Mein Jünger nicht sein“ (Lk 14,26). Der Anfang wird damit gemacht, dass man sich von den äußeren Gütern lossagt, wie von Besitztum, eitlem Ruhm, Umgang, Anhänglichkeiten an unnütze Dinge. Davon geben die heiligen Jünger des Herrn, Jakobus und Johannes, ein Beispiel, als sie ihren Vater Zebedäus und selbst das Schiff, ihre einzige Nahrungsquelle, verließen, ferner auch Matthäus, der sich vom Zolltisch erhob, dem Herrn folgte und nicht allein den Gewinn des Zöllneramtes zurückließ, sondern auch die Gefahren verachtete, die sowohl ihm als seinen Verwandten von seiten der Obrigkeit drohten, weil die Rechnungen unabgeschlossen blieben“.

Wir sehen klar, um ein Christ zu sein und Christus zu folgen, müssen wir alles verlassen und allem entsagen, was noch in der Welt ist und bleibt – wenn das auch die Menschen sind, die uns am nahesten stehen. Alles, ja, alles muss zurückgelassen werden. Und das kann natürlich nur derjenige machen, der im Glauben und nicht im Schauen wandelt, der die unsichtbaren Dinge sieht, der vom Licht des Herrn erleuchtet und in Seine Nachfolgerschaft berufen wurde. Es gibt nichts gefährliches, als die weltliche Religion, als die „verweltlichte Kirche“, die sich „christlich“ nennt, besteht aber aus den Menschen, die Christus verspotten und sie mit ihrem Leben auslachen und verfolgen, die nichts anders sind, als die Pharisäer und Sadduzäer und die Schriftgelehrten. Nur wenigen sind bereit, alles hinter sich zu lassen, allem lossagen, alles verlassen, um zu Christus zu kommen und Christus zufolgen. Deswegen spricht auch der Herr von einer kleinen Herde, von einem schmalen Weg, von einer engen Pforte, die nur von wenigen gefunden werden. Und doch es gibt keinen anderen Sinn im Leben, als Christus zu folgen. Als ein Narr um Christi willen zu sein, der aller weltlichen Weisheit entsagt und will nichts anders wissen, als Christus den Gekreuzigten – die einzige Weisheit Gottes. Mögen auch wir unter diesen Menschen sein, und nicht unter den Menschen, die sich selbst betrügen und in der Welt der schrecklichen Illusionen leben. Das einzige was zu verlieren gibt, ist das ewige Leben, ist zu versagen, wieder das Abbild Gottes zu werden. Alles anders ist Müll.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch von Pater Ignatius abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.