Auszug aus dem Buch der hl. Maria von Paris III

Ästhetische Frömmigkeit

Es ist schwer den Ursprung der ästhetischen Frömmigkeit zu verfolgen. Wir können davon ausgehen, dass jede Epoche ihre Repräsentanten hatte. Sie verlor ihre Bedeutung nur in den Zeiten, wenn die Kirche vor der Lösung großer Probleme stand, die eine große geistliche Anstrengung verlangten, wenn die Kirche kämpfen musste, wenn sie verfolgt war, wenn sie den Kern des christlichen Glaubens verteidigen musste. Die Geburt des Christentums im Kiever Russland wurde der Legende nach durch den Akt der ästhetischen Frömmigkeit ermöglicht. Der hl. Fürst Vladimir verglich die Religionen miteinander nicht nach der Essenz ihres geistlichen Inhaltes, sondern nach der Kraft ihrer äußeren Wirkung. Er hat sich für den orthodoxen Glauben entschieden, für den atemberaubenden Gesang, für den himmlischen Gottesdienst, für die ästhetische Erschütterung, die er erleben durfte. Genau so widmen die Schöpfer des Moskauer Russlands lange und erstaunliche Beschreibungen des Orthodoxen Glaubens.

Sogar das 19. Jahrhundert, das an Ästhetik nicht wirklich erkrankt war, schenkte uns eine Persönlichkeit wie Konstantin Leontiev, bei dem die Schönheit zum Maß geworden, an dem die Wahrheit gemessen werden sollte; die Schönheit, die die moderne religionslose und bürgerliche Welt verstoßen sollte, weil diese Welt hässlich war. Und er war zum Orthodoxen Glauben hingezogen, weil in der orthodoxen Kirche die Schönheit zu finden war. Kein Wunder, das 20. Jahrhundert, das eine breite und sehr begabte Explosion der ästhetischen Wahrnehmung verursachte und so einen großen Einfluss auf die russische Intelligenz ausübte, äußerte sich auch in der kirchlichen Ästhetik. Diese Art der Frömmigkeit wurde zu einer breit verbreiteten und auf vielen Ebenen die entscheidende Art des kirchlichen Lebens.

In der ersten Linie definierte diese Art Frömmigkeit ganz große Werte. Ästhetik ist immer mit dem Kult der Vergangenheit verbunden, mit einer Art Archäologie. Kein Wunder, dass eben in dieser Zeit der Entfaltung der ästhetischen Frömmigkeit, zum ersten Mal die Bewertung der antiken russischen Kunst gemacht wurde, die alten Ikonen wurden ausgegraben, studiert und restauriert. Neue Museen wurden gegründet, die Ikonographie wurde nach verschiedenen Schulen eingeordnet, so wie die Schule des hl. Andrei Rublev und den anderen. Alte Gesänge wurden entdeckt und wieder eingeführt. Die vergessenen Gesänge von Kiev und Valaam wurden wieder in den Gottesdienst integriert. Die kirchliche Architektur wurde viel mehr bekannt, dank den zahlreichen Büchern über die Kunstgeschichte. Das sind zweifellos alles sehr positive Entwicklungen. Aber zusammen mit dieser Entwicklung entstand auch eine neue Vorgehensweise des Glaubens, entstand eine besondere Moral.

Die Schönheit und das Verständnis der Schönheit sind immer ein Teil der Wenigen. Das erklärt die unvermeidliche Aristokratisierung jeder Ästhetik. Um die Werte der Ästhetik zu verteidigen, teilt der Mensch die ganze Welt auf: einerseits die Freude, die die Schönheit verstehet und wertschätzt und andererseits die Feinde – die Profanen. Denkend, dass das Allerwichtigste in der Kirche ihre Schönheit sei, teilt der Mensch die Menschheit auf in die „kleine Herde“ in einem besonderen, ästhetischen Sinne und auf die Masse von unwürdigen Heiden, die hinter dem schönen kirchlichen Zaum bleiben müssen. Das kirchliche Mysterium gehört nur den Auserwählten –wobei nicht nur die Huren und die Zöllner niemals die Chance bekommen, zu Christi Füßen zu sitzen, sondern auch jeder, der zu einfach gestrickt ist, der nicht seine Erfüllung in der hochästhetischen Erfahrung des kirchlichen Gottesdienst zu finden fähig ist. Wenn Ästhetik zum Maß aller Dinge gemacht wird, fühlt sich der Mensch unvermeidlich als ein Teil einer komplizierten Komposition und sieht sich verpflichtet, sie bloß nicht zu zerstören, keine Störungen in dieser Komposition zu verursachen. Er fühlt und lebt im Rhythmus mit der Schönheit, die Schönheit bestimmt jetzt sein inneres Leben und seinen Alttag, und genau so wie der Gesetzestreue, sieht er in der Schönheit die Tugend non plus ultra.

Der Ästhet zeigt immer eine Neigung zum Archaismus. Er betrachtet und verliebt sich in besondere Stellen im Gottesdienst, in besondere Formeln. Alles wird in den kleinsten Details betrachtet, alles muss seinen Rhythmus behalten. Ästhetische Kriterien ersetzen die geistlichen Inhalte und vertreiben sie schließlich ganz aus der Kirche. Menschen in der Kirche werden als eine dekorative Masse der Betenden gesehen, die Notwendig sind, um den Gottesdienst richtig zu gestalten, oder auch als primitive Profane, die mit ihrer Unwissenheit, ihrer Untauglichkeit und ab und zu auch mit ihrer persönlichen Trauer und ihren Bedürfnissen, die gesamte Atmosphäre zerstören und verhindern, den Gottesdienst im vollen Maß zu genießen. Der Mensch verliert sich in den Wolken des Weihrauchs, genießt die alten Gesänge, er hat alles bekommen, er ist erfüllt, er hat Angst, dass ihm sein Schatz aus dem Becher geschüttelt werden kann – durch die Bewegung eines Elefanten im Porzellanladen. Er fürchtet sich vor den geschmacklosen Dingen, vor der menschlichen Trauer, die Mitleid auslöst, vor der menschlichen Schwäche, vor der Krankheit, vor der verwirrten, chaotischen, unorganisierten Welt der menschlichen Seele.

Kein Zweifel, dass wir in der ästhetischen Frömmigkeit vergebens nach der Liebe suchen werden. Ich denke, dass wir auch den Hass dort nicht finden werden. Was wir finden ist nur die kalte Verachtung für die Profanen und die ekstatische Betrachtung der Schönheit. Wir finden Trockenheit, die an Formalismus grenzt. Man muss sich selbst und seine eigene Welt schonen, die so schön und harmonisch ist, die man vor allem bewahren muss, was sie beleidigen oder stören kann. Die ästhetische Kälte friert unvermeidlich den Geist ein. Und alles andere muss auch eingefroren werden, damit man sich in der ewigen Eiswelt, im ewigen Schönheits-Pool ruhen kann, damit man das ewige Nordlicht ungestört genießen kann.

Das allermerkwürdigste und unwahrscheinlichte ist, dass diese Art der Frömmigkeit auch bei den Russen verbreitet wird, denn der russischen Seele sind, in der Regel, Harmonie, Formen und Maß gänzlich fremd. Stattdessen sollten wir meinen, ihr Feuer, ihre Geflügeltheit, ihr Chaos, wurden ihr gegeben, um sie vor der ästhetischen Frömmigkeit zu schützen und zu bewahren. Aber vielleicht sucht der Mensch einfach immer wieder genau danach, woran ihm mangelt. Mit der Unfähigkeit, sein eigenes Chaos zu ertragen, begibt man sich in das andere Extrem. Aber diese Flamme zu dämpfen und auszulöschen bedeutet nichts weniger als einen geistlichen Selbstmord, der das Feuer in Eis verwandelt, die Bewegung in eine statische und unbewegliche Form, leidenschaftliche Suche in den Rhythmus der von Außen diktierten Formeln.

Diese Form der Frömmigkeit jedoch war und bleibt für immer ein Teil der russischen kulturellen Elite und allein deswegen wird sie niemals ein Teil der Massen werden. Aber hier geht es uns nicht um die Quantität, sondern um die Qualität von Trägern dieser Frömmigkeit. Auch mit ihrer geringen Zahl können sie einen enormen Einfluss auf die gesamte Kirche ausüben.

Welcher Einfluss kann es sein? Welche Kraft der Kreativität hat die ästhetische Frömmigkeit? Hier stehen wir schon wieder vor einem Paradox. Die Hüter der Kunst und der Kultur in allen Epochen, Kenner und Wertschätzer aller Nuancen, alle diese Ästheten waren niemals kreativ. Vielleicht lag es daran, dass sie die Kreativität und die Begabungen anderer Menschen viel zu hoch wertschätzen, während sie selbst dem Geist des kreativen Künstlers immer fremd geblieben sind. Sie wurden zu Museumshütern, zu Kunstsammlern, zu Kennern und zu Bewunderern, aber niemals zu Schöpfern. Zu schöpfen, zu kreieren, sogar etwas sehr Feines und Subtiles, bedeutet immer eine harte Arbeit. Die Kreativität, um etwas neues zu erreichen, muss immer etwas altes verlassen, sich von etwas loslassen, etwas zerstören, damit der Platz für etwas neues geschaffen werden kann. Sie verlangt so sehr nach etwas Neuem, dass sie alles vergisst, was schon vorher geschaffen wurde. Die Psychologie des Museums ist nicht vereinbar mit der Psychologie der kreativen Schöpfung. Die erste ist konservativ, die spätere ist revolutionär.

Wie sieht die Zukunft der ästhetischen Frömmigkeit aus? Unser hartes, schmerzvolles und anstrengendes Leben wendet sich an die Kirche mit allen seinen Schmerzen und Enttäuschungen. Das religiöse Leben verlangt von der Kirche eine kreative Herangehensweise, nicht nur um verstanden zu werden, sondern auch um die Antworten zu finden die uns helfen werden, das Alte zu verändern und das Neue zu schöpfen. Und wenn die Kirche es bloß erlauben würde, würde sie sofort mit dem menschlichen Schmerz und Trauer überfüllt – mit den Menschen, die sich in die schöne, ästhetische, harmonische, geregelte und sterile Kirche gar nicht mehr zu gehen trauen. Denn dafür muss die Kirche auf dieses Niveau herunterkommen. Diese ästhetische Elite sollte schon längst aus den Kirchen verschwinden, um den Platz für die schreiende menschliche Seele, die nach Christus verlangt, frei zu machen. Aber eben weil sie eine Elite ist, eben weil sie ihre Forderungen und ihre Philosophie so klar und schön zu formulieren weiß, weil sie meint, alle Schätze schon gefunden zu haben, die sie jetzt bloß vor der chaotischen Menschenmasse hüten sollen, bleibt die Kirche unfähig sich den Menschen anzunähren. Sie wird auch unfähig bleiben, die Schönheit anders zu definieren, die äußere Schönheit durch die selbstopfernde Liebe zu ersetzen. Stattdessen wird sie auch weiter mit ihrer eigenen Seele die Kirche vor den Profanen bewahren und ihnen den Eingang in die Kirche versperren.

Die Menschenmassen werden schreien: „Wir sterben durch unsere seelischen Krankheiten! Die soziale Ungerechtigkeit und Hass haben unsere Seelen vergiftet, unser Alltag ist leer, wir haben keine Antworte auf die Fragen über das Leben und über den Tod! Jesus, rette uns!“ Aber zwischen diesen Menschen und Christus werden die Hüter von Christi Schönheit stehen und werden ihnen antworten, sie sollen endlich die Schönheit des Lebens entdecken und wenn sie dazu nicht fähig sind, wird nicht einmal Christus ihnen helfen können. Die süßen Gesänge, flüsternden Lesungen, Weihrauch, werden den traurigen Blick Christi zudecken, sie werden die Schreie zum Schweigen zwingen, die Hoffnung wird zum Schlaf gezwungen. Zwischen der Kirche und dem Leben entsteht eine unüberwindbare Kluft. Und die Hüter der Ästhetik werden diese Kluft in Namen der Harmonie bewahren, in Namen des Rhythmus, in Namen der Schönheit. Die Profanen, auf der anderen Seite, werden nicht kommen um sie zu zerstören, sie bleiben mit ihren Schmerzen, Leiden und Enttäuschungen, mit der ganzen Hässlichkeit des Lebens – völlig überzeugt und glaubend, dass man gar nicht mit so einem Päckchen in die Kirche gehen darf.

Und dann, in dieser gottlosen und hungrigen Welt, werden falsche Propheten und falsche Christusse entstehen, in allen möglichen Formen, die ihre Sekten gründen und ihre Prediger in die Welt schicken, die Baptisten, die Evangelikalen, die Adventisten und so weiter. Sie werden den ausgehungerten Menschen „Fast-Food“ Wahrheiten anbieten, irgendein ungesundes Surrogat des christlichen Lebens. Und viele werden ihnen folgen. Sie werden vor allem von ihrer Menschlichkeit berührt, von ihrer Zuwendung, ihrer Aufmerksamkeit. Die Menschen werden gar nicht erstmal daran denken, was richtig ist und was falsch. Das wird zunehmend egal werden. Und das wird die Kluft zwischen der Kirche und der Welt nur noch mehr vergrößern.

Aber vielleicht werden die Augen, denen die geistliche Sicht der Liebe noch nicht geraubt wurde, plötzlich sehen, wie aus dem Altar, der von einer wunderschönen Ikonostase behütet wird, ganz still und unbemerkt Christus herausgehet. Der Gesang geht weiter, der Weihrauch steigt zum Himmel empor, die Betenden befinden sich in der Ekstase ihrer Anbetung an die Schönheit. Und Christus geht aus der Kirche heraus und mischt sich unter die Masse der Armen, Unreinen, Verzweifelten, Wütenden, Narren. Christus geht auf die Märkte, ins Gefängnis, in die Krankenhäuser, in die Räuberhöhlen. Wieder und wieder gibt Christus Sein Leben für Seine Freunde hin. Vor Ihm, der ewigen Wahrheit und der ewigen Schönheit, was macht es schon für einen Unterschied, unsere Schönheit und unsere Hässlichkeit? Ist etwa unsere Schönheit keine Hässlichkeit vor Seiner Schönheit? Und umgekehrt – sieht Er etwa nicht in unserer Hässlichkeit, in unserer Armut, in unseren Wunden, in unseren verwundeten Seelen Seine eigene Göttlichkeit, Seine eigene Schönheit, Sein eigenes Abbild? Sieht Er etwa in uns nicht Seine eigene Herrlichkeit und Seine ewige Schönheit?

Und Er wird zurück in die Kirche gehen und wird mit sich diejenigen mitbringen, die Er zu Seinem Mahl eingeladen hat – Arme, Kranke, Lahme, Huren und Sünder. Und das Allerschrecklichste was geschehen kann ist das: die Hüter der Schönheit dieser Welt werden Seine Schönheit nicht begreifen können und werden Ihn in die Kirche nicht hineinlassen, weil Ihm eine Menschenmasse folgen wird, Menschen, deren Seelen durch Sünde, Alkoholismus, Unzucht, Hass und Hässlichkeit verzerrt wurden. Und dann wir der Gesang aufhören und die Weihrauchwolken verschwinden. Und jemand wird den Hütern der Schönheit sagen: „Ich hatte Hunger und ihr habt mir nichts zum Essen gegeben, Ich hatte Durst und ihr habt mir nichts zu Trinken gegeben. Ich war ein Wanderer und ihr habt mich nicht aufgenommen; Ich war nackt und ihr habt mich nicht gekleidet; Ich war krank und im Gefängnis und ihr seid nicht zu mir gekommen“.

Das ist genau wo der ästhetische Götzendienst endet. Weil die Liebe viel zu unbequem und viel zu schwierig ist. Sie zwingt den Menschen viel zu weit in die bodenlose Tiefe der menschlichen Seele abzusteigen – in seine eigene Seele und in die Seele der anderen Menschen. Liebe macht nackt und unsere ganze Hässlichkeit zeigt sich und taucht vor unseren Augen auf. Sie stört die Harmonie. Sie hat dort nichts zu suchen, wo die Schönheit gefunden wurde und wo sie herrschen darf.

Diener Christi, die Nachfolger der Apostel, die Priester, sollen auch nicht mehr Christus folgen – die Liebe Gottes zu verschwenden und zu veräußern, zu predigen, zu heilen. Sie haben jetzt eine völlig andere Funktion: sie müssen treue Diener des Kultes werden, Opferpriester im heidnischen Sinne des Wortes. Der Priester wird nicht nach seiner Fähigkeit zu lieben, sondern er wird nach der Schönheit seiner Stimme, nach seinem Aussehen, seiner Haltung, seinen Bewegungen beurteilt. Und es ist völlig egal, ob er als guter Hirt, seine Schafe kennt oder nicht, ob er die 99 in den Bergen lässt, um ein verlorenes Schaf zu suchen und zu finden. Und ob er sich über alles freut, wenn das verlorene Schaf des Herrn gefunden wird.

In der UdSSR sehen wir eine schreckliche Entwicklung. Dort wird der Kirche alles verboten – zu lehren, zu predigen, zu helfen, die Gläubigen zusammen zu bringen. Nur ein einziges Ding ist erlaubt – die Gottesdienste. Ist das ein Zufall oder eine Absicht? Oder ein sehr kluges psychologisches Kalkül? Denn der orthodoxe Gottesdienst ohne Taten der Liebe, ohne wahrer Frömmigkeit und Askese, ohne das Wort Gottes, wird nicht mehr in der Lage sein, Christus in der Welt zu offenbaren. Ein geistlich hungriger Mensch wird in die Kirche kommen, wird die Schönheit bewundern, aber sein Hunger wird nicht gestillt werden, denn er will nicht nur die Schönheit, sondern die Liebe und die Antwort auf seine Fragen und Zweifel. Auf diese Weise hat die sowjetische Regierung tatsächlich die Kirchentüren geschlossen.

Aber wie oft werden die Kirchentüren von den gewissen Gruppen geschlossen, wenn auch keine Regierung danach fordert, sondern die kalten Herzen immer eine größere Kluft zwischen der Welt und der Kirche schaffen, im Namen der Weltlichkeit, der trockenen Schönheit und Form? Vielleicht wäre es sinnvoller, wenn die Kirche gar keine offizielle Erlaubnis hätte, die Gottesdienste zu feiern, sondern wieder gezwungen wäre, sich heimlich zu versammeln, in den Katakomben, statt nur die Gottesdienste feiern zu können ohne der Welt Christus in allen Aspekten des Lebens zu zeigen.

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