Auszüge aus dem Buch der hl. Mutter Maria von Paris – Teil II

Eine weitere Art des religiösen Lebens ist die gesetzestreue Frömmigkeit. Und diese Art hat einen gänzlich anderen Ursprung und eine gänzlich andere Dynamik. Dieser Typ des religiösen Lebens, (im Gegensatz zum synodalen), ist archaisch. Er war immer lebendig, mischte sich mit der synodalen Frömmigkeit, widersetzte sich ihr, aber kämpfte nicht mir ihr. Die gesetzestreue Frömmigkeit war noch vor der synodalen Frömmigkeit zu finden. Das ganze Moskauer Russland war von der religiösen Gesetzestreue durchgedrungen. Die Altgläubigen (Storowery) wuchsen auf diesem Boden. Diese Art der Frömmigkeit, verändernd und verkompliziert, finden wir auch heute in unseren Kirchen. Diese Art der Frömmigkeit ist möglicherweise das Allerschrecklichste und das Steifeste, was wir vom Moskauer Russland geerbt haben.

Es ist unnötig über das unbeschreiblich arme kreative und theologische Niveau in dieser Art der Frömmigkeit zu sprechen. Moskau hat sehr viel aus der byzantinischen Theologie übernommen, ist aber irgendwie an ihrer Kreativität vorbei gegangen. Das Feuer und den Eifer des byzantinischen Genies veränderte Moskau in eine unbewegliche Form, in einen Kult der Anbetung der Tradition. Nicht nur legte Moskau das reiche byzantinische Erbe auf Eis. Auch ist es gelungen dem biblischen Wort Leben und Gnade zu rauben. So wie der alte Prophet es schon gesagt hat, auch Moskau sammelte konsequent „Gebot auf Gebot und Gesetz auf Gesetz“. Der prachtvolle Fluss der byzantinischen Rhetorik wurde auf Ritual und auf Gesetz reduziert. Der stärkste Ausdruck dieser unbeweglichen, stagnierenden Frömmigkeit, dieses Geistes der Konservierung, fand sich natürlich bei den Altgläubigen. Und so müssen wir doch natürlich ihre großen Verdienste gleichzeitig anerkennen. Die Altgläubigen haben für uns die Ikonen des alten Schreibens aufbewahrt, die antiken Gesänge. Sie haben vom Fluss des Lebens ein Fragment des Lebens fixiert und dieses Fragment leidenschaftlich aufbewahrt und behütet.

Auf der anderen Seite, haben die Altgläubigen derartig die Hierarchie der christlichen Werte vermischt, dass sie zu leiden und zu sterben bereit waren, nicht nur für das Recht das Kreuzzeichen mit zwei und nicht mit drei Fingern zu machen, sondern auch für das Recht den Namen Jesus – Iisus –auf die alte Art „Isus“ zu schreiben. Das ist keine Frage der einfachen Unkenntnis oder Analphabetismus. Hier sprechen wir über etwas viel Wichtigeres. Wir reden über den Glauben an eine besondere Magie, nicht nur in die Magie des Wortes oder Namens, sondern an die Magie jedes einzelnen Buchstabens. Und diese Art des Glaubens, die mit dem christlichen Glauben an Christus ganz und gar nichts zutun hat, hat auch seine Strafe empfangen. Besuchen Sie eine Kirche der Altgläubigen. Dort finden Sie alles, was für die Altgläubigen teuer ist – ihre Ikonen, die unbezahlbar sind, alte Bücher, besonderen Gesang nach den antiken Kononen, – alles, wofür sie gekämpft haben und wofür sie zu sterben bereit waren. Nur die Ikonenwand – der Ikonostasis – geschmückt mit den alten, schweren Ikonen, hinter der nichts aufbewahrt wird. Hinter dieser Ikonenwand ist eine leere Wand, kein Altar, kein Tabernakel, weil es keine Sakramente mehr gibt, weil sie kein Priestertum mehr haben. Alles ist aufbewahrt, mit Ausnahme der lebendigen Seele der Kirche, außer ihrem göttlich-menschlichen Leben. Alles was übrig geblieben ist, ist eine wunderschöne Form. Darüber sollten wir nachdenken. Hier erhalten Menschen ihre Strafe in ihrem eigenen Sieg, im Erreichen ihres eigenen Zieles. Wenn wir einmal die Wahrheit Christi verdrehen, bleiben wir in ihrer leeren Hülse. Wir sollten darüber jedes Mal nachdenken, wenn wir die Versuchung haben, den Geist gegen die Form zu tauschen, die Liebe gegen das Gesetz. Denn so bleiben wir nur mit der Form und mit dem Gesetz – aber ohne Geist und ohne Liebe. Und sehr wahrscheinlich, dass wir diese altarlose Kirche in sehr vielen menschlichen Seelen finden werden.

Je mehr die Kirche ihren lebendigen Geist im 18. Und 19.Jahrhundert verlor, desto mehr wuchs die Gefahr der gesetztreuen Frömmigkeit. Fast erstickt in der offiziell hungrigen, amtlichen, synodalen Kirche und ohne den Weg an die lebendige Quelle des Glaubens zu finden, flohen die Gläubigen um den Geist der synodalen Leere und Bürokratie und tauschte die menschliche Seele die synodale Frömmigkeit mit der gesetzestreuen Frömmigkeit.

Wie sieht denn diese Form der Frömmigkeit aus? Welche Inhalte hat sie? Das größte Verlangen der gesetztreuen Frömmigkeit besteht im Verlangen nach der geistlichen Ordnung, das innere Leben gänzlich dem äußeren Leben unterzuordnen, erarbeitet bis in das kleinste Detail. Der äußere Rhythmus bestimmt alles für den gesetztreuen Menschen. Außerhalb der Kirche ist ihm der geistliche Sinn aller Kleinigkeiten des Lebens und des Alltags bekannt. Er hält alle Fastenzeiten, nimmt an allen Kirchengebeten teil – das Leben kreist um die Erfüllung von kirchlichen Gesetzen. Er zündet die Kerzen auf die Minute genau an, wann es vorgeschrieben ist, er macht richtig das Zeichen des Kreuzes. In der Kirche ist sein Benehmen auch nicht anders. Er weiß genau was erlaubt ist und was verboten. Er kniet, wenn man knien muss, er verbeugt sich, wenn man sich verbeugen muss, er macht das Kreuzzeichen, wenn man das Kreuzzeichen machen muss. Er weiß ganz genau, dass zwischen Ostern und Himmelfahrt zu knien ein Verbrechen ist. Er weiß, wie oft er zur Beichte gehen muss, er kennt das kirchliche Gesetz – und regt sich immer auf, wenn irgendetwas im Gottesdienst nicht so verläuft, wie es sich gehört. Anderseits ist ihm völlig egal, wenn die Gebete gemurmelt sind, unverständlich, viel zu schnell gelesen werden. Die Form und die Konstruktion des Gottesdienstes – je komplizierter desto besser – übertönt gänzlich den Inhalt.

Stundenlange, monotone Lesung der Psalmen bringt ihn in eine Art der Frömmigkeit, verleiht ihm geistlichen Rhythmus. Seine Gebete sind auch lang – er folgt einer ganz bestimmten Gebetsregel. Er wiederholt dieselben Gebete wieder und wieder – an selbem Ort und in derselben Zeit – das alles gibt ihm das Gefühl der Kontinuität und der Stabilität. Wenn Sie diesem Menschen sagen, dass irgendetwas ihnen unverständlich ist oder dass sie dem Gottesdienst nicht folgen können, wird er ihnen antworten, dass es gar nicht darum geht,  etwas zu verstehen, sondern um einen bestimmten geistlichen Zustand, um eine bestimmte fromme Atmosphäre. Das geistliche Leben so eines Menschen ist bis zum letzten Detail erarbeitet. Er kennt besondere Techniken, sich in den gewünschten Zustand zu versetzen. Er kann Ihnen erklären, wie man atmen muss, in welcher Position der Körper beim Gebet gehalten werden muss, ob die Füße kalt oder warm gehalten werden müssen. Hier sehen wir viele verschiedene Einflüsse, nicht nur des christlichen Ostens, sondern auch etwas von Derwischen, Echos des Hinduismus, und das allerwichtigste, ein leidenschaftlicher Glaube in die Magie des Wortes, derSätze, der Gesten und des Rhythmus der Bewegung. Und zweifellos ist, dass dieser Glaube in die Magie ganz reale Wurzeln hat.

Auf diesem Weg kann man tatsächlich sehr viel erreichen –enorme innere Disziplin, gewaltige Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung, Beherrschung des ganzen Chaos in der menschlichen Seele und sogar Macht über die anderen Menschen. Auf diesem Weg kann man auch die Vollendung des eigenen inneren und äußeren Lebens erreichen und sogar in sich eine Art gesetzestreue Inspiration entwickeln. Das einzige, was auf diesem Weg nicht gegeben wird, ist natürlich die Liebe. Obwohl die Taten der Liebe und der Barmherzigkeit natürlich zum Rhythmus der gesetztreuen Frömmigkeit gehören. So ein Mensch weiß, dass er dem Armen Almosen geben muss, ganz besonders in der Fastenzeit. Er wird immer wieder ein Päckchen für die Gefangenen ins Gefängnis schicken oder auch die Gefangenen besuchen. Er kann sogar zum großen Philanthropen werden – Kranken- und Waisenhäuser errichten, eine Suppenküche betreiben. Aber das Hauptmotiv für alle diese Handlungen ist, dass sie vorgeschrieben sind, dass sie zum gesetzestreuen Rhythmus des Lebens gehören, dass sie ein Teil davon sind. In diesem Sinne, ist so ein Mensch sehr pflichtbewusst und sehr gehorsam. Aber die zwischenmenschlichen Beziehungen werden vom Gehorsam dem Gesetz gegenüber und nicht von der Liebe bestimmt und definiert.

Diese Art der Frömmigkeit zeigt in unserer Zeit die Tendenz zu wachsen und sich zu verbreiten. Und das ist nicht schwer zu verstehen, wenn wir die ganze Einsamkeit, Müdigkeit, Verlassenheit der menschlichen Seele ansehen. Diese Seele sucht keine Heldentaten, sie fürchtet, dass sie dafür zu schwach ist. Sie kann weder mehr suchen noch mehr enttäuscht werden. Die harte Luft der selbstopfernden Liebe ist mehr als sie ertragen kann. Und wenn das Leben dieser Seele weder Wohlstand noch Stabilität geben konnte, wird sie mit einem ganz besonderen Eifer nach dieser inneren Stabilität verlangen, zum inneren Wohlstand wird sie hingezogen werden, zur Ordnung und Beherrschung ihrer inneren Welt. Sie bedeckt das innere Chaos mit der Decke des Verbotenen und Erlaubten und das Chaos hört auf sie zu quälen. Sie kennt die Kraft der magischen Formeln, die öfters aus den Worten bestehen, die sie gar nicht versteht. So wie ein Derwisch, kennt sie die Kraft der Bewegung und der Körperhaltung. Sie ist beschützt und ruhig. Alle diese Eigenschaften des gesetzestreuen Weges sind sehr gut, um diese Art der Frömmigkeit in unserer Zeit zu verbreiten. Sehr wahrscheinlich, dass sie noch eine lange Zeit des Aufschwungs, der Blüte vor sich hat. Und unsere Zeit fördert zweifellos auch diese Art der Frömmigkeit – die Menschen verlangen nach Klarheit, bis dieses ganze Chaos besiegt und in den Zellen, so wie die wilden Löwen, eingesperrt ist. Unter diesen Bedingungen ist der Erfolg der gesetztreuen Frömmigkeit vorprogrammiert.

Anderseits sollen wir nicht vergessen, dass diese Form des christlichen Lebens kein kreatives Potenzial mit sich bringt. Unendliche Wiederholung von Worten und Formeln, Gesten und Bewegungen schließt jede kreative Entwicklung des Geistes aus. Seit den antiken Zeiten ist die gesetzestreue Frömmigkeit ein Gegner der Propheten und des Aufbaus. Ihre Aufgabe ist zu bewahren und zu wiederholen und nicht zu zerstören und bauen. Sollte diese Art der Frömmigkeit in der Kirche siegen, bedeutet es viele Jahrzehnte ohne Geist der Kreativität und ohne Geist der Freiheit in der Kirche.

Aber die allerwichtigste Frage, die wir einem Vertreter der gesetzestreuen Frömmigkeit stellen können ist, wie behauptet er die zwei allerersten Gebote Gottes – Gott und seinen Nächsten zu lieben – zu erfüllen? Auch wenn wir es annehmen können, dass sein Rhythmus spiegelt gewisse Liebe zu Gott, bleibt es sehr schwer festzustellen, wie äußert sich diese Liebe zu den Menschen. Christus, der wendet sich von den Schriftgelehrten und den Pharisäern ab, Christus, der zu den Sündern, Huren, Zöllnern geht, ist sicherlich nicht der Lehrer derjenigen, die Angst haben, ihre Gewänder schmutzig zu machen, die dem Buchstaben allein hingegeben sind,  die sich nur darum kümmern, das Gesetz zu erfüllen. Sie fühlen sich geistlich gesund, weil sie alle Gesetze der geistlichen Hygiene erfüllen. Aber Christus hat gesagt, dass nicht die Gesunden Ihn brauchen, sondern die Kranken.

Heute streiten die Kirchen untereinander, ob sie nach dem alten oder nach dem neuen Kalender leben sollen. Diese Frage ist die, die Kirchen zu Spaltungen bringt, zwingt, sie einander zu verfluchen, die setzt den Maßstab des Glaubens. Es ist schwer in diesem Kontext über die Liebe zusprechen – die Liebe ist irgendwie außerhalb des neuen und alten Kalenders. Wir können natürlich sagen, dass der Menschensohn Herr über den Sabbat ist und er den Sabbat im Namen der Liebe gebrochen hat. Und dort, wo der Sabbat nicht gebrochen werden kann, ist weil dort nicht diese „im Namen“ gibt, weil es dort die Liebe nicht gibt. Die gesetzestreue Frömmigkeit offenbart sich hier als diese „Sabbat-Treue“, als die Sklaverei des Sabbats und nicht wie der Weg des Menschensohnes. Statt des lebendigen Gottes, statt Christus des Gekreuzigten und Auferstandenen, haben wir es möglicherweise mit einem neuen Idol zu tun, der sich im neuen Heidentum offenbart sich in Streiten über den Stilen und Kalendern, Regeln und Verboten, der den Menschensohn besiegt mit dem Sabbat. Götzendienst ist schrecklich, wenn er Christus in Namen des Staates leugnet, der Nation, einer sozialen Idee, des kleinbürgerlichen Komforts und der Bequemlichkeit. Aber viel schrecklicher ist der Götzendienst in der Kirche – wenn die Liebe Christi durch das Halten des Sabbats ersetzt wird.

(Vom Russisch übersetzt, p. Ignatius)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch von Pater Ignatius abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.