Auszüge aus dem Buch der hl. Mutter Maria von Paris – Teil I

Wenn wir uns mit den modernen Typen der religiösen Frömmigkeit auseinandersetzen, werden wir objektiv und unvoreingenommen verschiedene Kategorien feststellen können und wie unterschiedlich die religiöse Berufung des Menschen verstanden werden kann. Jede von diesen Kategorien hat ihre positiven und negativen Seiten. Und wahrscheinlich nur ihre Summe kann uns das richtige Bild des vielfältigen christlichen Lebens vermitteln. Auf der anderen Seite, wenn wir uns mit der orthodoxen Kirche auseinandersetzen, werden wir sehen, dass die meisten Menschen zwei oder mehrere von diesen Typen des religiösen Lebens in sich integrieren. Jeder Mensch wird von einer bestimmten Art des christlichen Lebens angezogen und lehnt meistens die anderen, ihm fremden Arten ab. Wir müssen natürlich alles tun, um diese Gefahr zu vermeiden. Wenn wir die Gläubigen beobachten, christliche Zeitschriften und Bücher lesen, wird uns die Vielfältigkeit des christlichen theologischen Denkens nicht verborgen bleiben. Und wenn wir den Versuch wagen, diese Unterschiede zu klassifizieren und sie mit bestimmten Gruppen von Menschen zu verbinden, werden wir Folgendes feststellen: In der orthodoxen Kirche begegnen wir a) der „synodalen“ oder systemtreuen Frömmigkeit; b)der gesetztreuen Frömmigkeit; c) der ästhetischen Frömmigkeit; d) der asketischen Frömmigkeit und e) der evangelischen oder eucharistischen Frömmigkeit.

Natürlich gilt diese Klassifizierung nur bedingt. Das Leben ist viel komplizierter. Bestimmt gibt es auch andere Kategorien, in die ich mich nicht hineinfühlen konnte. Aber diese bedingte Klassifizierung kann uns helfen das kirchliche Leben besser zu verstehen, genau so sich selbst besser zu verstehen, die eigenen Sympathien und Antipathien auf dem eigenen geistlichen Weg.

1.     Synodale oder Systemtreue Frömmigkeit

Seit der Zeit Peters des Großen wurde die russische Kirche zum Attribut des großen und ungeteilten Russlands. Sie wurde zur Behörde inmitten anderer Behörden, sie wurde vom Staat unterstützt und hat den Geschmack der Macht gespürt. Der Staat hat die Kirche geschützt, hat diejenigen bestraft, die sich gegen die Kirche schuldig machten und verlangte, dass die Kirche jeden verflucht, der sich gegen den Staat schuldig macht. Der Staat hat die Bischöfe und Patriarchen in ihr Amt eingeführt, hat ihnen die administrativen Aufgaben anvertraut, beeinflusste die Kirche durch die staatlichen Ideale und Ziele. 200 Jahre solchen Lebens veränderten die Kirche radikal. Das geistliche Leben wurde in die zweite Reihe geschoben, wurde zweitrangig. An die Oberfläche kam die offizielle, vom Staat anerkannte Kirche, die den Kirchenbeamten die Zeugnisse ausstellte, dass sie gebeichtet und an der Eucharistie teilgenommen haben – denn ohne so ein Zeugnis wurden sie für den Staat unglaubwürdig. Das staatliche System hat eine ganz besondere religiöse Psychologie geschaffen, einen besonderen Typ der religiösen Menschen, einen besonderen Typ der Moral und Ethik, besondere Kunst, den besonderen Alltag der Gläubigen.

Von Generation zu Generation wurden Menschen in der Denkweise erzogen, dass die Kirche ein Teil des Staates und ein Teil des Lebens sein muss, wobei sie jedoch nur ein Attribut ist – auch wenn auf ihn nicht verzichtet werden kann. Und so ist der Priester auch nichts anders als ein Staatsbeamter – ein Wächter und ein Gendarm, der für die Richtigkeit der Erfüllung der religiösen Pflichten zuständig ist. Und so ist Priester mit Sicherheit ein ehrwürdiger Amtsträger, aber nicht mehr und nicht weniger als die anderen Beamten, die für die gesellschaftliche Ordnung zuständig sind, die Finanzbeamten, die Soldaten und so weiter.

Menschen gingen ein Mal im Jahr zur Beichte – weil: so macht man das, so ist die Ordnung. Sie haben in der Kirche geheiratet,  ihre Kinder in der Kirche getauft, Menschen beerdigt, sie kamen zu besonderen Feiertagen zum Gebet. Aber die Kirche stand für sich alleine, so wie ein Finanzamt. Menschen gingen in die Kirche, wenn sie meinten, in die Kirche gehen zu müssen. Und mit der Frömmigkeit zu „übertreiben“ gehörte auf eine Art zum schlechten Geschmack. Kein Wunder, denn die synodale Frömmigkeit ist auf dem Fundament der staatlichen Bürokratie gebaut worden. Und dieses System, so wie alle bürokratischen Systeme, hat konsequent dafür gesorgt, dass alle wahrlich religiös begabten, eifrige Menschen, keinen Platz in dieser Kirche für sich finden konnten. Diese Menschen gingen entweder ins Kloster, um sich von diesem bürokratischen und weltlichen System gänzlich zu lösen, um sich an dem äußeren kirchlichen Leben gar nicht zu beteiligen, oder wurden gar zu Rebellen und fingen an nicht nur gegen das kirchliche System sondern öfters auch gegen die Kirche selbst zu kämpfen. So wuchs der antireligiöse Fanatismus unserer Revolutionäre, so ähnlich in ihrem Ursprung zum Samenkorn des asketischen Lebens. Die revolutionäre Bewegung sprach all die Menschen an, die nach Askese, nach Heldentaten, nach Opfer, nach selbstlosem Dienst und  selbstloser Liebe verlangten – das alles, was ihnen die offizielle Kirche verhindert hat zu leben. In dieser Zeit wurden auch die meisten Klöster zu Gemeinschaften ohne jegliches geistliches Leben.

Und so sind in der Kirche nur die Menschen geblieben, die weder kalt noch warm waren, die ihr religiöses Leben zu kontrollieren wussten, die meinten, dem Kaiser und Gott gleichzeitig dienen zu können. An der ersten Stelle stand die Ordnung. Dann kamen die anderen staatlichen Tugenden: Systemtreue, die von allen gewünschte Mittelmäßigkeit, Pflichtbewusstsein, Respekt vor den Amtsträgern, Respekt vor dem Staat, gute Taten, so wie die Almosen. Große Initiative, oder überhaupt Initiative, wurde ungern gesehen. Asketen und geistlichen Menschen konnte man in den Domkirchen nicht begegnen. Hier amtierten andere Menschen – ehrwürdige Priester, ruhige, beschäftigte, gute Administratoren und ausgezeichnete Organisatoren, Verwalter der kirchlichen Güter, Beamte der synodalen Behörde, die wussten sehr gut wie sie den Gottesdienst gestallten sollen, so dass er den prächtigen Kirchen entspricht, gute und fleißige Menschen – aber weder kreativ noch geistlich.

Und die Kirchen spiegeln natürlich auch diese synodale Mentalität: Gold und Marmor, mit riesigen Ikonenwänden. Das Evangelium war so schwer, dass der Diakon es kaum hochheben konnte. Und er las das Evangelium öfters so, dass man kein Wort verstehen konnte – aber seine Aufgabe bestand gar nicht darin, das, was er liest, verständlich zu machen. Er musste es so lesen, dass die Fenster zittern – um die Stärke seiner Stimme zu zeigen.

Das ist auch der meist verbreitete Typ der Frömmigkeit heute. Was er verursacht ist jedoch ganz klar – die Gottlosigkeit in den Menschenmassen. So wie Soloviev schreibt, Menschen die von den Affen stammen, geben ihr Leben für ihre Freunde hin. Die Liebe, die Opferbereitschaft, die Gemeinschaft, verbunden durch die gemeinsamen Ideale, Ziele, Träume, können wir überall finden – bloß nicht hinter den Kirchenmauern. Die kreativen und geistreichen Menschen waren und sind gezwungen, ihre Erfüllung außerhalb der kirchlichen Strukturen zu suchen, denn die offizielle Kirche wird immer wieder versuchen, alles was innovativ oder kreativ ist, mit anderen Worten, alles was gegen den Strom zu sein scheint, zu marginalisieren und zu verhindern.

Die kirchliche Tradition wuchs auf dem festen Fundament des bürgerlich geregelten Alltags und beeinflusste alles, vom Gebet bis zur Küche. Und auf diesem Boden können wir nicht erwarten, dass da die kreativen Kräfte wachsen können. Denn alles in dieser Kirche ist auf die Konservierung gerichtet, auf die Aufbewahrung des Bekannten, auf die Wiederholung der Gefühle, Worte und Gesten. Für die Kreativität sind jedoch immer neue Ziele notwendig. Aber wie schon erwähnt, die offizielle Kirche braucht keine Kreativität.

Der synodale Typ des Lebens, holte zusammen mit den geistlichen Werten auch die weltlichen Werte mit ins Boot. Nicht allein vermischte und verwechselte er die Hierarchie der christlichen Werte, sondern viel zu oft ersetzte er einfach die Liebe Christi durch die Liebe zu den Dingen dieser Welt. Es ist schwer oder gar unmöglich Christus zu begegnen und Ihn zu spüren, christlich zu leben in einer Institution, die offen die Verweltlichung der Kirche predigt. Dieser Typ der Frömmigkeit hat es nicht geschafft, Gott das zu geben, was Gottes ist und dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist. Sie hat immer mehr den Kaiser Christus vorgezogen, sie ließ den Kaiser und nicht Christus in ihr herrschen. Der römische Imperator siegte diesmal über das Christentum nicht auf den blutigen Arenen, nicht in den Katakomben, sondern in der Kirche selbst – als sie die christlichen Gebote durch die Gebote der Welt und des Staates ersetzte.

Auf dem Weg der synodale Frömmigkeit kann man auf verschiedene Weisen gelangen – durch die Erziehung, durch die Gewohnheiten und durch die vermittelte Tradition – aber der Mensch gelangt in diese Form niemals durch die freie Suche in den Fußspuren Christi zu gehen, Christus zu folgen. Das Leben fordert Kreativität, eine kreative Anstrengung. Und das Gesetz des Lebens sagt, dass eine Gruppe, die keine kreativen Aufgaben vor sich hat, niemals Erfolg haben wird. Die synodale Frömmigkeit wird sterben – sie ist schon tot, weil sie in ihrem Kern kein Leben trägt. Sie wird vielleicht noch als Echo eine Weile gehört werden – aber ihre Existenz hängt nicht von Christus, sondern allein vom Staat ab. Und es wir die Zeit kommen, wenn auch der Staat sie nicht mehr brauchen kann.

(Vom Russisch übersetzt von p. Ignatius)

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