Der Prophet von A.S. Puschkin

Vom Durst nach Geist und Licht gemartert,
Ich einst durch finstre Wüsten ging,
Als mit sechs Schwingen, unerwartet,
Am Kreuzweg ein Seraph erschien.
Mit zarten Fingern, traumesschwer,
Mein Augenpaar berührte er,
Um wie bei Adlern, die erschrecken,
Die Augen heilig zu erwecken.
Das Ohr berührte seine Hand
Und mich erfüllten Lärm und Klang:
Und ich vernahm ein Himmelsbeben,
Der Engel weitgespannten Flug,
Der Meeresdrachen stiller Zug,
Das Rascheln, tief im Tal, der Rebe.
Er riss, geschmiegt an meinen Mund,
Des Sünders Zunge aus dem Schlund,
Die schwatzhaft ist und Argwohn hegt,
Und hat mit blutbedeckter Hand
Der weisen Schlange Zungenband
In den erstorbnen Mund gelegt.
Er hat mir, kraft des kalten Schwerts,
Die Brust zerteilt mit kurzem Streich,
Ersetzte dann mein zuckend Herz
Durch glühnde Kohle, flammenreich.
Ein Leichnam – lag ich in der Wüste,
Als Gottes Stimme mich erlöste:
»Steh auf, Prophet, und sieh, und höre,
Um ganz mein Wollen zu ergründen.
Durchquere Länder, und die Meere,
Durch’s Wort die Herzen zu entzünden.«

A.S. Puschkin (Übersetzt von Eric Boerner)

1826 – 1828

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