Der Weinstock und die Reben

„Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. Ihr seid schon rein durch das Wort, das ich zu euch gesagt habe. Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen“ (Joh 15, 1-6).

In diesen Versen enthüllt uns Christus das Geheimnis der Kirche – Seines Leibes. Es ist ein sehr verrückter Gedanke, der Leib Christi könnte gespalten werden. Genau so wie unser Körper nicht gespalten werden kann, ohne zu sterben. Hier spricht Christus von sich Selbst als vom wahren Weinstock und von den Christen, als von den Reben. Die Wahl, die uns gegeben wurde, ist zwischen eine lebendige Rebe zu sein, die am wahren Weinstock wächst und Frucht bringt und zwischen vom wahren Weinstock abzufallen und zu sterben, weil die Lebensvorsorgung nicht mehr da ist. Oder auch das göttliche Leben in uns nicht zuzulassen und deswegen verdorren. Mit jeder Spaltung, mit jedem Abfall vom wahren Weinstock, können wir noch für eine kurze Zeit die Kräfte der Wahrheit in uns spüren und sie genießen – und sogar einen lebendigen Eindruck auf die anderen Menschen zu machen. Denn eine Rebe verdorrt nicht sofort. Aber schon nach eine kurze Zeit das wahre Leben wird uns verlassen und so kehren wir zur Pseudoexistenz, die mit dem Leben Gottes keine Verbindung mehr hat. Der Leib Christi gehört keiner Institution – sondern nur die Menschen, die mit Christus, dem wahren Weinstock vital und organisch verbunden sind, gehören dem Leib Christi. Sie bringen Frucht, sie werden von Gott Vater gereinigt und gepflegt. An unseren Früchten werden wir wahrlich erkannt. Und die anderen werden weggeworfen und verdorren, sie werden im Feuer eigenes Egos und eigener Leidenschaften verbrannt.

Wir sind eine Menschheit, die kollektiv durch den Sündefall von Gott abgefallen ist, die Gott aus ihrer Mitte ausgetrieben und verbannt hat und die sich seitdem von den illusionären Kräften einer autonomen, von Gott getrennten Existenz sich zu ernähren und verzweifelt am Leben zu erhalten versucht. Aber alle diese illusionäre Kräfte sind Kräfte des Todes und verursachen Tod – physisch und geistlich. Die Rettung Gottes in Seiner unendlichen Liebe besteht daran, dass Er uns mit dem wahren Weinstock des Lebens verbinden möchte. Aber das verlangt einen schmerzvollen Eingriff – für den Menschen genau so wie für Gott! Er muss uns zuerst vom schlechten, unfruchtbaren und tödlichen Weinstock der Welt als eine Rebe abschneiden. Da entsteht eine Wunde, das Blut strömt daraus und uns scheint in diesem Moment, dass wir vom jeglichen Leben gänzlich abgetrennt worden sind. Aber diese Wunde entsteht nicht nur in uns. Mit demselben Messer schneidet Gott in den wahren, lebendigen Weinstock rein – Er schneidet in sich Selbst rein, in Jesus Christus, Seinen Sohn der ein Menschensohn geworden ist. Und so strömt das Blut aus Seinen Wunden. Und dann wird Wunde auf Wunde gelegt, damit wir, als die Reben, mit dem Quell des Lebens und der Unsterblichkeit werden können – damit wir in Sein heiliges Abbild verwandelt werden können – weil ab jetzt wir von Seinem Leben versorgt werden und an Seiner göttlichen Natur teil haben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Tagebuch von Pater Ignatius abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.