Das Haus Gottes

Kirche ist eine Gemeinschaft der Berufenen, von Gott eingeladenen und erwählten Menschen. Diese Menschen wurden berufen Kinder des Lebendigen Gottes zu sein, seine Zeugen zu sein, Sein Himmelreich in ihren Herzen zu tragen und Sein Reich, das in der Kraft gekommen ist, der Welt zu offenbaren. Das ist die Berufung, unabhängig davon, ob wir dieser Berufung treu oder untreu bleiben, ob wir dieser Berufung würdig oder unwürdig leben.

Die Väter definieren Kirche als eine Gemeinschaft der Einheit des Glaubens, der Einheit von Sakramenten, Einheit des Priestertums. Eine Gemeinschaft, die lernt so zu leben, wie Christus gelehrt hat. Aber das kann nur derjenige verstehen, wer eine persönliche Erfahrung gemacht hat und dank seiner Erfahrung weiß, was eine Kirche ist. Allein weil die Einheit des Glaubens bedeutet keine allgemeine Übereinstimmung der Mitglieder über Regeln und Dogmen. Glaube bedeutet „Überzeugt sein von Dingen, die man nicht sieht“ (Hebr 11,1). Christus lehrt uns „den Glauben Gottes“ zu haben, Der „was nicht ist, ins Dasein ruft“ (Röm 4,17), so wie Abraham, der „gegen Hoffnung auf Hoffnung hin geglaubt hat“ (Röm 4,18). Glaube ist die Erfahrung Gottes, eine persönliche Erfahrung, die in Worten nicht gefasst und nicht übertragen werden kann, sondern im kontemplativen Schweigen ruht.

So sind die Sakramente für einen Außerstehenden im besten Fall Rituale und Symbole. Schöne Rituale und Symbole. Für einen Gläubigen dagegen, sind die Sakramente nichts anders als die Teilnahme am Leben Gottes sowohl als Teilnahme am Menschsein unseres Herrn Jesus Christus. Und das gilt auch das Priestertum, das für den meisten Menschen nichts anders bedeutet, als gewisse Funktionäre, als Oberhäupter wie bei jeder anderen Organisation, ob bei Armee oder bei der Regierung.

Für den Gläubigen öffnet sich das Geheimnis der Kirche mit seinem Wachstum. Alles erlangt eine tiefere Bedeutung, öffnet sich immer mehr, wird breiter, lichtvoller. Immer näher kommt der Mensch an das Geheimnis Gottes, das der hl. Gregor von Nyssa „Göttliche Dunkelheit“ nennt – derartig starkes Licht, das es alles blendet. Der Mensch verliert die Fähigkeit zu sehen und kann nur noch von Gott selbst eingeweiht werden, weil das außerhalb von seiner Wahrnehmung und von seinem Verstand liegt.

Das Wort Kirche kommt aus dem Griechischen „Kiriakon“ – das Haus Gottes, das Haus des Herrn. Das ist kein Haus gebaut aus Stein oder Holz, sondern ein Haus gebaut aus „den lebendigen Steinen“. Kirche ist eine Stadt Gottes und gleichzeitig eine menschliche Stadt. Aber derartig vollkommen, dass das göttliche und das menschliche gänzlich miteinander übereinstimmen und vollkommen miteinander verschmelzen. Diese Menschenstadt ist heilig und hell genug, sodass ihre erster und wichtigster Bürger der Sohn Gottes geworden ist, der die menschliche Natur angenommen hat – und wurde Mensch. Aber wir kennen auch eine andere Realität  – die Realität der gefallenen Welt. Eine Welt, die von Gott ins Leben gerufen wurde und die sich gegen ihrem Schöpfer rebellierte. Und seitdem hat Gott „keinen Ort, an dem Er Sein Haupt hinlegen kann“ (Mt 8,20). Er steht viel mehr von der Tür und klopft (Offenbarung 3,20). Er klopft an die Tür des menschlichen Herzens, des menschlichen Verstandes, des menschlichen Willens und des menschlichen Lebens – und sucht dort aufgenommen zu werden.

Der letzte und einzige Ort, wo Gott Zuhause sein darf, ist die Kirche. Kirche ist das Asyl für Gott in dieser gottlosen Welt. Sie können groß oder klein sein, aber jede Kirche die Gott geweiht wurde birgt in sich die ganze Fülle der Anwesenheit Gottes.

Es gibt noch ein anderes Wort für die Kirche: Ecclesia. Dieses Wort bedeutet eine Gesellschaft der Auserwählten. In den antiken Zeiten in Athen wurde mit diesem Wort die Gesellschaft der vollmündigen Bürgern beschrieben, die würdig waren mit ihrer Stimme die Stadt zu repräsentieren. Wenn wir über die Auserwählung denken, denken wir sofort an irgendwelche Vorteile. Das ist anders mit der christlichen Auserwählung. Christus spricht: „Nicht ihr mich erwählt haben sondern Ich habe euch erwählt“ (Joh 15,16) – erwählt, im Sinne „abgesondert“, aus der menschlichen Masse genommen, sodass ihr eine ganz andere Gemeinschaft sein könnt, die sich von der heidnischen und gottlosen Gesellschaft radikal unterscheidet. Was diese Auserwählung bedeutet, sehen wir ganz deutlich am Beispiel von den Aposteln – die mit einer Ausnahme alle als Märtyrer gestorben sind und während dem Leben verfolgt und verachtet wurden, dem Christi Kreuzweg folgend. „Ich schicke euch wie Schafe unter den Wölfen“ (Mt 10,16), sagt Christus Seinen Auserwählten.

Und so ist die Kirche eine Gemeinschaft der Auserwählten, die den Ruf Gottes gehört haben und die Gott in die Welt schickt, um Zeugen der Wahrheit zu sein, in einer Welt, die die Finsternis mehr geliebt hat, als das Licht. Diese Menschen müssen radikal anders sein, sodass die anderen zum Nachdenken kommen können und sich fragen: „Was ist passiert mit diesen Menschen?“ C.S. Lewis schreibt, dass wenn ein Ungläubiger einen Christ seht, muss er so verwundert sein, als ob er eine Statue aus Stein in einen lebendigen Menschen verwandelt sah, als er ein Zeuge wäre, wie ein Tote aufersteht! Christ ist deswegen jemand, der die oberflächliche Existenz verlassen hat und zum Leben zurückgekehrt ist. Als Christen müssen wir mit Christus sterben – bewusst sterben für alles, was sündig und tödlich ist, für alles, was Gott und Seiner Natur fremd ist – kurz gesagt: bewusst zu sterben für das Leben, das wir vorher gelebt haben. Denn nur dann können wir gänzlich an Leben Gottes teil haben – in Gott leben.

Kirche ist auch der Leib Christi. Sie ist keine Organisation die aus zufälligen Männern, Frauen und Kinder besteht. Das ist eine Gemeinschaft von Menschen, die für die Welt tatsächlich gestorben sind und jetzt leben in einer völlig neuen, göttlichen Dimension. Sie sind gestorben und mit Christus in den Gewässern der Taufe begraben worden sind, sind mit dem Christi Tod gestorben. Darüber spricht der hl. Apostel Paulus im Römerbrief, Kap. 6, das während der Taufe gelesen wird. Wenn wir tatsächlich Christus als unseren Herrn, als unseren Gott und als den vollkommenen Menschen, als den Einzigen, den wir im Leben brauchen, dann wird uns alles zunehmend fremd, was uns Ihm unähnlich macht, was uns von Ihm entfernt. Das alles muss einfach aufhören zu existieren, so wie für einen Toten die physische Welt hört auf zu existieren. In den Wässern der Taufe untertaucht zu werden, bedeutet zu untertauchen in eine Welt, in der wir nicht existieren können. Wenn wir kommen aus dem Wasser, kommen wir zum Leben zurück – zum Leben in Gott, zum einzig wahren Leben. Das wird uns alles als Vorschuss gegeben, der Samenkorn des göttlichen Lebens, das in uns wachsen und gepflegt werden muss. Denn ein wahrer Mensch ist nur derjenige, der vom göttlichen Leben gänzlich durchdrungen ist. Denn unsere Berufung als Christen ist mit Gott Seine Natur zu teilen (2 Pet 1,4).

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