Christentum: Jenseits der Zeit

Sünde wurde ursprünglich als die Untreue dem Neuen Leben gegenüber verstanden, ein Abfall von diesem Leben, ein Verrat an dieses Leben. Genau so wie die Heiligkeit nicht als eine moralische Vollkommenheit verstanden wurde, sondern als eine ontologische Treue zu Christus und Seinem Reich. Die moralische Lehre des Evangeliums ist eschatologisch und nicht ethisch. Die Natur der Sünde ist nicht eine Übertretung des Gesetzes, sondern ein Abfall von Gott und vom Leben, vom wahren und seligen Genuss. Und dann als die Untreue zu Christus, Abfall von Ihm und von der Kirche, vom Seinen Leib, von Seinem Leben.

In diesem Sinne ist das Mysterium der Reue und Beichte ist eine Rückkehr in das Neue Leben, das uns schon gegeben wurde, das wir schon leben und gelebt haben. In unserer Zeit wurde das Sakrament der Beichte jedoch völlig profaniert. Sie wurde darauf gerichtet, um das moralische Verhalten zu regulieren und auf bestimmt Gebote und Gesetze hinzuweisen. Mit den anderen Worten, ursprünglich bezog sich die Beichte nicht auf das moralische Gesetz, sondern auf den Glauben und auf die Sünde, die den Abfall vom Glauben verursacht („Wer an Gott glaubt, der sündigt nicht“, sehe 1 Johannes). Heute ist die Beichte ein Gespräch über die Übertretung der moralischen Gesetzen, über menschlichen Schwächen, aber getrennt vom Glauben. Und die Antwort, die Menschen bekommen, ist nicht Christus, sondern etwas in der Art wie: „Versucht mehr zu beten, kämpft mit den Versuchungen …“

Wie alles im Christentum, auch die Beichte (Reue und Umkehr) ist eschatalogisch. Sie ist die Rückkehr des Menschen in das Gottesreich, in das ewige Leben, in das Leben des kommenden Zeitalters. Wie man das während eines dreiminütigen Gespräch machen kann, habe ich keine Ahnung.

Wir Christen, unterschiedlich von den hochausgebildeten, hochintellektuellen Religionswissenschaftlern wissen, dass dieses kommendes Gottesreich uns schon geschenkt wurde. Und wir sind seine Staatsbürger, wir sind Staatsbürger des Himmels. In jeder Göttlichen Liturgie erinnern wir uns daran! In der Tat, wenn das Christentum von einem Außenstehenden betrachtet wird, kann er den Eindruck bekommen, dass das Christentum eine Religion der Erwartungen und irgendwelchen Veränderungen ist, – Dingen, die noch in der Zukunft liegen. Oder einfach Religion der Erwartungen eines neuen Lebens nach dem Tod und Trostes für diejenigen, die hier in dieser Welt leiden.

Aber wenn wir unseren Glauben von Innen anschauen, dann werden wir sofort sehen, dass alle diese Prozesse und Veränderungen schon längst angefangen sind. Wir warten nicht auf das Ende der Geschichte oder auf die Endzeiten. Wir leben schon jetzt jenseits der weltlichen Geschichte, wir leben schon jetzt nach und jenseits der Endzeiten. Die Toten auferstehen schon jetzt, das ewige Leben ist schon begonnen. Das ist warum alle Christen gehören zu einem und demselben Zeitalter. Hl. Seraphim, hl. Franziskus, hl. Klara, hl. Nil und alle andere sind keine Menschen aus der Vergangenheit, keine historische Personen. Alle Christen gehören zu einem und demselben Zeitalter. Es gibt viele Menschen, die gehören heute nur noch in den Enzyklopädien – die sind aus der Vergangenheit. Aber die Heiligen sind unter uns.

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