Erforsche dich selbst!

„Achte auf dich selbst und auf die Lehre; tu das ohne unterlass! Wenn du das tust, rettest du dich und alle, die auf dich hören“ (1 Tim 4,16), schreibt der hl. Apostel Paulus an seinen geliebten Sohn im Glauben Timotheus. Auf Griechisch lautet dieser Text jedoch etwas anders: „erforsche dich selbst und die Lehre“. Wenn der Mensch sich selbst und die Lehre ununterbrochen erforscht, wird man gerettet, sagt der Apostel. Und nicht nur er selbst, sondern auch alle, die auf ihn zuhören.

Es gibt an mehreren Stellen in den Schriften die Aufforderung, uns immer mit den heiligen Schriften zu befassen. „Über dieses Gesetzbuch sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du darauf achtest, genau so zu handeln, wie darin geschrieben steht. Dann wirst du auf deinem Weg Glück und Erfolg haben“ (Josua 1,8) und „Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht“ (Ps 1,1-2), um nur wenige zu nennen. Nur so kann das lebendige Wort Gottes in uns eindringen und in uns wachsen. Das Wort Gottes ist wie der lebendige Senfkorn, der kleiner als alle anderen ist, aber wenn er wächst, dann wird er zum großen Baum des Lebens und wird alle andere, weltliche Einflüsse aus unseren Seelen endgültig austreiben.

Aber der hl. Apostel gibt noch einen Gebot: „erforsche dich selbst!“ Und zwar die ganze Zeit. Die Augen des Kindes Gottes sind immer auf die innere Welt gerichtet. Das ist in ihm, dass das Himmelreich eingepflanzt worden war. Das ist in seinem Inneren, in der Stille seiner inneren Kammer, in die nichts von der Welt reingehen darf, begegnet der Christ seinen Vater im Himmel. Und Selbstforschung ist dafür immer notwendig. Wenn wir beten gehen, müssen wir die Klarheit haben, dass nichts zwischen uns und Gott steht. Sonst machen unsere Gebete überhaupt keinen Sinn – sie werden nicht erhört, weil Gott vom Bösen Seine Augen wendet. Die Erforschung unseres Gewissens und die aufrichtige Reue und Sündenbekenntnis ist deswegen die Vorstufe des Gebets. „Wir wissen, dass Gott einen Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und Seinen Willen tut, den erhört Er“ (Joh 9,31). Gott ist Licht und wir können Ihn nicht in unserer Finsternis begegnen. Licht macht alles sichtbar. Das, was wir in der Dunkelheit nicht sehen, wird offenbart, wenn das Licht kommt. Wir müssen unser Leben aufräumen und den Weg frei machen, wenn wir wollen, dass nichts zwischen Gott und uns im Wege steht und dass unsere Gebete erhört und beantwortet werden.

Sich selbst zu erforschen bedeutet das Licht Gottes in unser Leben reinzulassen. Uns so zu begegnen, wie wir sind. Das ist schon für die meisten eine harte Prüfung, denn wir sind gewohnt uns mit schein-Heiligkeit, schein-Freundlichkeit, schein-Liebe, schein-Wohlbenehmen zu bedecken. Es geht in der Welt ja darum, wie wir „erscheinen“, welchen „Eindruck“ wir auf den anderen machen und nicht darum, was wir wirklich sind. Uns zu erforschen bedeutet Schritt für Schritt alle diese Schein-Kleider des alten Menschen abzuschütteln und uns vor Gott so zu stellen, wie wir wirklich sind – arme Sünder, arm und nackt, gefangen in unserer gefallenen Natur.

Viele Menschen sagen: „ich kann aber nichts anders. Das gehört zu meiner Natur“. Das ist schon ein sehr wichtiges Erkenntnis. In der Tat, erst wenn wir erkannt haben, dass wir in der gefallenen Natur gefangen sind, dass wir nichts anders als Marionetten unserer Trieben, Sehnsüchten und Launen sind, dass wir über uns gar nicht bestimmen können, dann können wir uns umkehren und Gott um Seine Gnade bitten, uns zum Neuen Menschen zu machen, geschaffen nach dem Abbild Herrn und Gott Jesus Christus. Christus spricht: „Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist. Wundere dich nicht, dass Ich dir sagte: Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Joh 3, 6-7). Und der Apostel Paulus spricht: „Der irdische Mensch aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann“ (1 Kor 2,14).

Viele Menschen sprechen von der Moral. Sie meinen, wenn sie das oder jenes tun oder lassen, werden sie gute und moralische Menschen sein. Irgendwann versagen sie aber alle und fangen an ihre moralische Unvollkommenheit hinter ihrer schein-Heiligkeit zu verbergen. Sie werde Heuchler. Ein gefallener Mensch, egal wie gut und moralisch er versucht zu leben, bleibt ein gefallener und in der Sünde gefangener Mensch. Nur die Gnade Gottes kann es bewirken, dass wir zum Neuen Mensch in Christus Jesus werden. Dafür müssen wir alles tun und uns ständig erforschen, damit das Licht Gottes uns erleuchten kann, damit Gott Sein Werk in uns vollenden kann. Erforschen wir uns selbst, erforschen wir die Heiligen Schriften und die Lehre der Heiligen, die vor uns gegangen sind und das Ziel, die glorreiche Theosis durch die Gnade Gottes erreicht haben. Verschönen und verschonen wir den alten Menschen nicht – werden wir zum Neuen Menschen in Christus Jesus unserem Herrn!

 

 

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