Als Mönch in der Welt

Im Westen wurden monastisches Leben und Leben in der Welt (Laien) als zwei verschiedenen Arten des Lebens verstanden: die ersten sollten nach den evangelischen „Räten“ (consilia) leben, die anderen nach den evangelischen Geboten (precepta). Die Einheit des christlichen Lebens wurde auf diese Weise zerstört. Auf der einen Seite kommen die Vollkommenden, auf der anderen Seite die „Schwachen“, die es nicht besser können. Und doch können die evangelischen Räte von den evangelischen Geboten nicht getrennt werden. Alle evangelische Gebote und „Räte“ gelten jeden einzelnen und allen.

„Als Christus uns befohlen hat, auf dem schmalen Weg zu gehen“, schreibt hl. Johannes Chrysostomos, „hat Er das allen Menschen befohlen. Mönche und Laien müssen die selben Höhen erreichen“. Es gibt nur eine einzige Spiritualität für alle Christen, ohne jeglichen Unterschied und die gleichen Herausforderung gelten jeden Christen, ob Bischof, Mönch oder Laien. Und das ist die monastische Spiritualität, von der gesprochen wird.

Alle Kirchenväter sind einig, dass ein Mönch nichts anders ist, als ein Mensch, der gerettet werden möchte. Derjenige, der nach dem Evangelium lebt, der nur noch nach dem Einzig Wichtigen sucht und den Worten des hl Apostel Paulus folgt: „vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde“ (1 Kor 9,27). All dies beschreibt das Leben vom jeden gläubigen Christ. Heiliger Nil von Sorki ist überzeugt, dass alle monastische und asketische Übungen und Praxis gelten nicht nur Mönche, sondern alle Christen – ob im Kloster oder in der Welt. Heiliger Johannes Chrysostomos schreibt: „Diejenige, die auch in der Welt leben und wenn auch verheiratet sind, sind verpflichtet in allem anderen als Mönche zu leben und en Mönchen ähnlich sein“. Und weiter: „Ihr täuscht euch, wenn ihr denkt, es gäbe Dinge, die von den Mönchen verlangt sind und andere Dinge, die von den Christen in der Welt verlangt sind“.  Das Gebet (auch das Stundengebet), Fasten, Lectio Divina, asketische Disziplin gelten alle Christen – im Kloster, genau so wie in der Welt. Heiliger Theodor schreibt in seinem Brief an einen byzantinischen Adligen und schildert das Programm des monastischen Lebens, mit der Bemerkung: „Bitte denke nicht, dass diese Liste der Verpflichtungen betrifft nur die Mönche, sondern in ihrer ganzen Fülle gilt sie auch für alle Christen, die in der Welt leben„.

Die Kirchenväter haben sich immer an alle Glieder des Leibes gewendet – ohne jegliche Unterscheidung auf „Geistliche“ und „Laien“. Der heutige theologische Pluralismus, wo die Christen auf Klerus und Laien geteilt sind, wurde den Kirchenvätern nicht bekannt und würde von ihnen gar nicht verstanden. Das Evangelium in ihrer ganzen Fülle gilt alle Christen, unabhängig von ihrem beruflichen oder sozialen Status.

Es gab auch Mönche, die viel weiter gegangen sind, als was alle monastische Regeln vorschreiben. Nehmen wir als Beispiel den hl. Seraphim von Sarow. Er hatte keine Schüler, er hat keine Schule gegründet, und trotzdem wurde er zum Lehrer und Meister von allen, weil sein Zeugnis des Glaubens überstieg alles was man als  Typ, Kategorie, Stil, Definition, Begrenzung. Seine Osterfreude kam nicht aus seinem Temperament, sondern war ein wahres Lied des Glaubens. Mit ganz gewöhnliche Sprache sprach er von den wunderbaren Dingen, Gaben, die ihm vom Heiligen Geist geschenkt wurden. Nach seinen schweren Kämpfen, im absoluten Schweigen, lebend unter so harten Umständen, die kein anderer Mönch ertragen konnte, hl. Seraphim kam zurück in die Welt. Er war weder ein Mönch, der die Welt verlassen hat noch ein Mensch, der unter Menschen lebte. Er war beides und mehr als beides, er wurde zum lebendigen Zeugen des Wirkens des Heiligen Geistes. Mönche und Christen in der Welt sind gleichermaßen berufen alles weltliche zu übersteigen und zu transzendieren – nicht von der Welt und Kinder des Lichtes – Kinder Gottes zu sein.

Paul Evdokimov

 

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