Die Autonomie des Seins und die Vereinigung in Christus

Menschen suchen immer ihre Autonomie und Unabhängigkeit. Das beschreibt am besten den menschlichen Zustand nach dem Sündenfall – das ist ein Zustand vom „getrennt-sein“. Getrennt von Gott, getrennt von einander und schließlich auch getrennt von sich selbst. Die Illusion der vermeintlichen Autonomie, ein „gott“ für sich selbst zu sein, über sein „eigenes“ Leben allein bestimmen zu können ist in der schrecklichsten geistlichen Krankheit (oder Sünde) verwurzelt – in dem Stolz. Denn Stolz ist immer komparativ. Mein „ich“ schließt alle andere „ich’s“ immer aus. Es gibt kein Platz für zwei Göttern in der Welt.

Der Fürst der Welt möchte aber nichts anderes, als dass Menschen allein, einsam, in ihrer illusionären Autonomie und lächerlichem Versuch für sich selbst ein Gott zu spielen, gefangen zu bleiben. Sie denken, sie seien Persönlichkeiten und Individuums, denen alle andere Persönlichkeiten und Individuums im Wege stehen, um ihre Individualität zu verwirklichen. Das äußert sich immer in Streit, Neid, Kampf, Verrat und Betrug.

Es gibt aber ein anderer Zustand – ein Ur-Zustand, für den der Mensch als Abbild des lebendigen Gottes geschaffen wurde. Das ist ein Zustand der Verbindung, der Einheit – der Einheit mit Gott, der Einheit mit den Menschen, der Einheit mit sich selbst und mit der gesamten Schöpfung. Dabei verlieren wir keinesfalls unsere Einzigartigkeit. Ganz im Gegenteil, nur in dieser Einheit, durch diese lebendige Verbindung können wir uns wahrhaftig entfalten, unsere Berufung erkennen und sie gänzlich leben.

Der Tod des Egos bedeutet ein neues Leben. Wir verlassen dabei die Welt der illusionären Autonomie und kommen in die Welt der lebendigen Einheit. Diese Einheit und Eins-Sein sind das Zeichen der christlichen Gemeinschaft. Die Schüler Jesu Christi sind Eins und werden daran erkannt, dass sie einander lieben.

Liebe und Ego sind inkompatibel. Denn Liebe bedeutet immer sich selbst zu vergessen, sich selbst aufzuopfern, sich selbst hinzugeben und dem anderen zu schenken. Gemischt mit noch lebendigem Ego wird die Liebe jedoch zu einer zerstörerischen Kraft, die statt Glück von Einversucht, Selbstsucht, Machtkämpfe, Streitereien und unendlichen Forderungen gezeichnet ist. Liebe gemischt mit Ego wird zu einer ständigen Transaktion und Konkurrenz – wer wen mehr liebt und wer wem was als Beweis dieser „Liebe“ dann machen muss. So wie alles in dieser gefallenen Welt, diese Art von Liebe ist ein lächerliches Karikatur der höheren und einzig wahren Realität. Ego kann sich nie opfern – Ego verlangt nur immer, dass die anderen sich opfern. 

Und doch, nur wer sein Leben verliert, wird es finden. Dort, jenseits des Egos erwartet uns wahre Freiheit, wahre Liebe, wahre Gemeinschaft. Dort sind wir nicht mehr von Gott und von einander und sich selbst getrennt – weil dort gibt es kein „ich“ mehr – sondern die ultimative Einheit der erlösten und wiederhergestellten Schöpfung – der Leib Christi.

Der heilige Apostel Paulus lehrt uns immer wieder, dass wir zum unseren Ur-Bild – oder Christus – werden sollen. Er schreibt, die Christen haben den Sinn und die Gedanken Christi. Wenn ich mich nicht länger mit mir als meinem Ego identifiziere, sondern tatsächlich für das Ego gestorben und mit Christus auferstanden bin, kann ich mit Christus identifizieren. Oder noch besser, weil es keinen von Gott, der Quelle des Lebens getrennten „mich“ mehr gibt, nimmt Christus, mein Erlöser und Ur-Bild den Platz und verwandelt mich und wiederherstellt mich zur reinen und heiligen Ikone Gottes – zum Abbild des lebendigen Gottes.

So sind meine Hände nicht länger meine, sondern Christi Hände. Und meine Füße sind nicht meine, sondern Christi Füße. Und es gibt dann keine meine Gedanken mehr, sondern die Gedanken Christi und nicht meine Worte, sondern nur noch Worte Christi. Und alle meine Gefühle und Sinne werden verwandelt und erneuert, sodass die Sinne und die Gefühle die Sinne und Gefühle Christi sind. Das ist der Weg zum Theosis – zum einzigen Ziel des Christentums!

Wo wir jedoch immer aufpassen müssen, in dieser Welt, wo der Fürst der Welt alles und immer verdreht, dass wir zum Christus werden und nicht Christus zu uns machen. Dass wir nicht in der Illusion leben, Christus fühle und denke und handle wie wir. Sondern wir sollen zum Christus werden. Gott hat uns alles dafür geschenkt – bleiben wir auf dem Weg!

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