Gehorsam – im Westen und Osten

Kommentar und Antwort zum Thema: das Gehorsam als Fundament des Lernens, vom 26. August 2012

Kommentar: Im Grunde kann ich mit Dir, lieber Bruder, übereinstimmen: Die westliche Welt hat verlernt, was „Jüngerschaft“ ist; aber es gibt in ihr auch Tendenzen, dies wieder zu entdecken; drei sind mir im Gedächtnis:

In den 70er Jahren kam das Thema „Jüngerschaft“ durch „Jugend mit einer Mission“ – aus den USA – zu uns; ich erinnere noch entsprechende Seminare, in denen es um „submission“, Unterordnung ging, dargestellt am Haupt- mann von Kapernaum. Wir konnten damals nicht in Worte fassen, was uns daran gefühlsmäßig befremdete: das Konzept einer – durchaus militärisch gedachten – „Befehlskette“ erinnerte an dunkle deutsche Zeiten…

Den zweiten Impuls verbinde ich mit Juan Carlos Ortiz, einem der Redner von „Lausanne“, der seine Entdek- kungen im Buch „Er ist Herr“ beschrieb. Darin entwickelte er „Jüngerschaft“ aus dem Herr-Sein Jesu, betonte also auch die sklavenmäßige Unterordnung (seine Worte) des „Jüngers“ unter den „Herrn“. Das Tolle daran war, daß das Buch gespickt war mit lebendigen Beispielen – und mit fundierter evangelikaler Selbstkritik, beispielsweise sein Begriff des „fünften Evangeliums“: „das sind alle jene Worte, die in unserer [Luther-]Bibel fett gedruckt sind,… Verheißungen, während die Herausforderungen [des Evangeliums] nicht zum fünften Evangelium gehören“, und: „wir missionieren nicht wegen der Verlorenheit der Menschen, sondern um die Herrschaft Jesu auszubreiten“, was auch dem Text in Mt 28, 18-20 entspricht…

Beiden Impulsgebern war Wesentliches aufgegangen – und sie gaben es weiter, und zumindest Ortiz hat mich an- und mir aus dem Herzen gesprochen. Trotzdem befremdeten mich beide Konzepte, denn sowohl der Jesus der E- vangelien als auch der Paulus der Briefe hatten noch einen anderen Ton, wie sie darüber sprachen u. schrieben.

Das Thema sollte mir dann genau von der „anderen Seite“ her begegnen, im „Ruf nach dem Meister“ von Karlfried Graf Dürckheim. Dürckheim stellt nicht nur heraus, daß Jünger und Meister Archetypen sind, die sich gegenseitig bedingen, er vermochte auch zu unterscheiden zwischen dem „äußeren“, dem „inneren“ Meister und dem, der sie beide beseelt: der „ewige Meister“. Doch nicht nur das; bei ihm finden sich auch Kriterien für „echte“ und „un- echte“ Meister, für die Gefahren und Abgründe im Meister-Jünger-Verhältnis. Auch er meinte, daß der Westen das tiefere Verständnis für dieses Verhältnis verloren habe, daß nun aber vermehrt der „Ruf nach dem Meister“ erschalle, und daß „der Ruf nach dem Meister im Grunde nur die Antwort ist auf den Ruf des Meisters in uns, der uns ruft“.

Antwort: Mein lieber Bruder, hier zeigt es sich wohl der entscheidende Unterschied zwischen dem westlichen und dem östlichen Denken: Im Westen wird das Gehorsam eben mit Totalitarismus verbunden: eine Herr – Sklave Beziehung. Was war typisch für Rom und bleibt typisch für Westen. Die Beispiele, die Du erwähnt hast, sind mir durchaus bekannt. In dieser Liste fehlt mir bloß noch Josemaría Escrivá mit dem Opus Dei. Bei der Jugend mit der Mission bin ich selber fast gelandet, als ich 18 oder 19 war. Aber das Christentum ist kein Produkt des römischen Westens sondern des judeo-hellenistischen Denkens. Im Osten ist das Gehorsam bloß ein weiteres Synonym für die Liebe. Man liebt das, was man studiert und man liebt den Lehrer, weil er uns hilft weiter zu kommen. Deswegen spielt der Lehre auch die entscheidende Rolle als „Role Model“ – als lebendiges Beispiel, jemand, dem man folgen und nachahmen kann, und nicht nur ein Lexikon im menschlichen Gestalt. Im Westen sagt der Lehrer: „Tue wie ich es dir sage“ und erwartet dass der Schüler ihm gehorcht. Im Osten sagt der Lehrer: „Mach’s wie ich es auch mache“, und hofft, dass der Schüler ihm nachahmt und ihm folgt.

Ich bin aber sehr dankbar für solche Diskussionen, weil sie mir es ganz deutlich machen, was für eine große Kluft zwischen den beiden Denksystemen und Weltwahrnehmungen liegen – also kein Wunder dass die Worte hier entweder missverstanden oder gänzlich verdreht werden. Diese Lehre-Schüler Beziehung existiert jedoch durch aus weiter – im Judentum und natürlich auch in der orthodoxen Welt, vor allem im Kloster. Wer je an einer rabbinischen Akademie studiert oder in einem orthodoxen Kloster eine Weile verbracht hat, wird bestimmt wissen, wovon ich rede.

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2 Antworten zu Gehorsam – im Westen und Osten

  1. Adolf Mulack schreibt:

    Lieber Bruder, ich fühle mich durch Dein Zitat geehrt! Ich glaube allerdings, daß Du bei Carlos Ortiz den falschen erwischt hast, nämlich einen Boxer. Die Bücher des evangelikalen Autors gibt es u.a. unter http://www.booklooker.de/app/result.php?autor=Juan+Carlos+Ortiz&pid=99214&gclid=CKL8vZOHj7ICFQUYzQodLhcA8Q, „ihn selbst“ predigend unter http://www.youtube.com/watch?v=5_OaO3x6XWE. Für Dürckheim empfehle ich die deutsche Seite: http://de.wikipedia.org/wiki/Karlfried_Graf_D%C3%BCrckheim. Dürckheim hat zwei Bücher mit Alphonse Goettmann, einem orthodoxen Theologen, geschrieben; guckst Du http://www.amazon.de/gp/search/ref=nb_sb_noss?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85Z%C3%95%C3%91&url=search-alias%3Dstripbooks&field-keywords=Mein+Weg+zur+Mitte+%28D%C3%BCrckheim+und+Goettmann%29&rh=n%3A186606%2Ck%3AMein+Weg+zur+Mitte+%28D%C3%BCrckheim+und+Goettmann%29&ajr=0.
    Mit herzlichem Gruß
    Dein Adi

    • Lieber Bruder, danke für den Hinweis! Ich glaube, der Link wurde automatisch erstellt, als ich den Namen geschrieben habe. Und ich habe den Link leider nicht überprüft. Ich werde ihn am besten entfernen, weil ich noch nicht ganz verstanden habe, wie das alles im Blog funktioniert. Gottes Segen und Danke noch Mal!

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