Christentum und die kognitive Dissonanz

Wir sind eine Generation des Wortes. Wir haben lesen und schreiben gelernt, haben einen fast uneingeschränkten Zugang zu Massen- und Informationsmedien, die Bücher sind billig und jedem zugänglich. Etwas was noch vor 150-200 Jahren völlig anders war. Abgesehen davon, dass ganz viele Menschen gar nicht lesen konnten, konnten die anderen sich auch kaum Bücher leisten. Auch die Bibel nicht. War einfach zu teuer.

Heute ist es anders. Wir sind eine Generation des Wortes. Wir sprechen, schreiben, lesen, hören. Aber das Wort verliert immer mehr an Bedeutung und wird zu einer leeren Hülse oder zu einem Vorhang, der die Realität des Wortes von der Realität des Lebens trennt. Das Wort bildet ein illusorisches Haus, dessen Wände aus Phantasien und Vorstellungen gebaut wurden und dessen Innenraum mit den frommen Wünschen erfüllt ist. Das finden wir in jedem Bereich des modernen Lebens. Der moderne Mensch lebt im Zustand der konstanten kognitiven Dissonanz – das Gedachte und Geglaubte überschneidet sich nicht mit der Realität. Ein sehr starkes Beispiel dafür finden wir in der Religion.

 

Im Westen beobachte ich z.Z. drei Strömungen. Die eine ist eine Gruppe von Menschen, die gar nichts mit dem Christentum haben wollen. Sie suchen ihre Erfüllung in Unterhaltung, Philosophie, Sammlung von materiellen Dingen und Statussymbolen. Sie haben sich nur für diese vergängliche Welt entscheiden – alles anderes interessiert sie nicht.

Die zweite Gruppe sind die Menschen, die sich zwar mit dem Christentum assoziieren, wissen aber kaum etwas von der Religion die sie angeblich bekennen. Das Christentum prägt ihr Leben nicht. Sie meinen, das Ziel wäre „bessere“ Menschen zu werden. Damit unterscheiden sie sich von keinem, denn der Wunsch ein besserer und moralischer Mensch zu sein gehört fast in jeder menschliche Gemeinschaft. Sie haben das Christentum nie gelernt, was gleichzeitig bedeutet, dass es ihnen nie wirklich wichtig war. Denn sonst würden sie wissen, dass im Christentum nicht darum geht, um ein besserer Mensch, sondern ein unsterblicher Mensch zu werden – wieder zum Abbild des lebendigen Gottes zu werden – was gleichzeitig unser Urbild ist. Trotz ihrer formalen Zugehörigkeit – wenn sie auch mit dem Besuch von Gottesdiensten oder gar Gemeindearbeit verbunden ist – unterscheiden sie sich gar nicht von der Welt und von der ersten Gruppe, die mit Gott und dem Christentum gar nichts zu tun hat.

Zur dritten Gruppe gehören Menschen, die aktive Christen sind – meistens in den Freikirchen und in den evangelischen und katholischen Erneuerungsbewegungen. Sie haben das Wort Gottes – die Bibel – gelernt. Und sie meinen dieses Wort Gottes ernst zu nehmen – was sie sicherlich auch machen. Und so feuern sie mit den frommen Sprüchen und utopischen Ansprüchen, die sie gelernt haben. Da die protestantische und später spirituell-anarchische Denkweise dazu geführt hat, dass jeder sich dazu berufen sieht, die Heiligen Schriften so zu interpretieren, wie es einem beliebt, haben wir heute ein paar Millionen von „Kirchen“ – von Menschen, die meinen mehr oder weniger allein das Wort Gottes verstanden zu haben. Die religiöse Toleranz fordert sie natürlich auch, die gleiche Freiheit jedem anderen zu gestehen. Also jeder darf die Bibel so zu interpretieren, wie es einem gefällt – Hauptsache ist ja „dass der Mensch im Herzen“ glaubt. Das alles hat mit dem Christentum – als eucharistische Gemeinschaft der Berufenen – nichts zu tun. Das sind Millionen von Einzelgänger, in ihrem Ego gefangen, mit den Ketten ihres spirituell-anarchistischen Denkens gebunden und im ständigen kognitiven Dissonanz lebenden Menschen.

Die kognitive Dissonanz bedeutet einen Kluft zwischen dem Geglaubten, Erwarteten und dem tatsächlich Geschehenen. Wenn jemand den Lichtschalter drückt und kein Licht kommt, entsteht sofort der Zustand der kognitiven Dissonanz. Das menschliche Verstand ist jedoch nicht fähig in diesem Zustand zu leben – und muss sofort ihn lösen. Mit dem Lichtschalter wird man wahrscheinlich die Glühbirne wechseln. Im Bereich der Religion erzeugt man für sich eine Reihe von Illusionen. Man sieht, dass die Ansprüche auf Heiligkeit, nicht-von-der-Welt zu sein, Besitz von Gaben des Heiligen Geistes, Christus ähnlicher zu werden bis man zum Christus wird, nicht erfüllt werden können. Mindestens nicht mit den Mitteln über die man verfügt und unter den Umständen und Voraussetzungen, in denen man sich befindet. Das führt zu Scheinheiligkeit, Heuchelei, so-tun-als-ob, also spielen und täuschen sich selbst und alle anderen. Je mehr diese Illusionen sich vermehren, desto unempfindlicher wird man für die Wahrheit. Er befestigt sich immer mehr in seinem illusorischen Glauben, der mit der Realität des Lebens und des Seins überhaupt nichts zu tun hat. Bis man sich völlig mit seiner Lüge und eigenem Selbstbetrug assoziiert – und wird eventuell zu seiner eigenen Lüge.

Die heiligen Kirchenväter haben schon immer uns davon gewarnt. Das ist die Erkenntnis der Wahrheit – der Person Jesus Christus – die allein uns befreien kann. In der Welt in der alles immer schön und perfekt sein muss, in der keine Versagen toleriert werden, wo der Mensch ist gezwungen immer etwas vorzuspielen und sein ganzes Leben daran investieren um nur zu „erscheinen“ – erfolgreich, gesund, attraktiv, sexy, reich – und in der alles nur auf die Befriedigung seinen Sinnen gerichtet wird, was meisten nur in den kurzen euphorischen Wellen zum Ausdruck kommt, nach derer Wiederholung immer gesucht wird – lehrt die heilige Kirche dass der Mensch krank, verloren, sterblich und sündig ist. In der Kirche begegnet der Mensch sich zunächst so, wie er wirklich ist. Und eben diese Begegnung öffnet ihm die Möglichkeit ein neuer Mensch zu werden. Die frohe Botschaft in Jesus Christus lautet, dass Gott Fleisch geworden ist um die Kranken zu heilen, die Sünder zu vergeben und aus dem gefallenen und sterblichen Menschen einen neuen, unsterblichen Menschen zu machen.

Die Lehre der orthodoxen Kirche führt den Menschen Schritt für Schritt durch diesen Prozess – von Sterblichen zum Unsterblichen, von Sünder zum Heilige, von Kranken zum Gesunden. Auf diesem Weg werden alle Lügen und Illusionen zerstört, damit der Mensch die Wahrheit wieder sehen kann und durch diese Wahrheit verwandelt und verklärt wird. Das ist ein lebenslange Prozess. Ein Weg, den die christlichen Heiligen seit 2000 Jahren, geleitet von der Kirche die vom Heiligen Geist erfüllt und geleitet wird, gegangen sind. Die orthodoxe Lehre führt den Menschen aus dem Zustand der kognitiven Dissonanz und bietet ihm eine neue Möglichkeit des Lebens im Lichte und in der Wahrheit. Damit die Lehre des Evangeliums tatsächlich gelebt und nicht geglaubt wird, damit der Mensch Schritt für Schritt als die heilige und reine Ikone des lebendigen Gottes wiederhergestellt wird, damit er wirklich das wird, was er glaubt und wozu er berufen ist.

Christus spricht, dass der Weg schmal und die Pforte eng sind – und dass nur die wenigsten sie finden. Deswegen wird der Weg der Erlösung niemals Menschenmengen gegangen. Das ist ein einsamer Weg – manchmal ein sehr einsamer Weg – begleitet nur von Christus selbst. Und auf diesem Weg müssen wir es lernen, was die Worte der heiligen Teresa „Gott allein genügt“ bedeuten. Und doch, die Hoffnung ist immer da, dass auch die Menschen im Westen, wenn auch einige und wenige, sich für diesen schmalen Weg entscheiden – entscheiden wirklich nicht von der Welt zu sein, den Mut bekommen sich wirklich so anzusehen, wie sie sind, um geheilt und erlöst zu werden und den wahren und praktischen Weg gehen, der sie ans Ziel – zur Vollkommenheit des Glaubens und des Christus-Werdens bringen kann. Nicht in ihren Phantasien und Vorstellungen. Sondern in der Wirklichkeit.

Ich bete dafür.

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