Das Jesus Gebet – das Gebet des Herzens

„Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, dem Sünder“. Die Kirchenväter lehren, dass dieses Gebet die Quintessenz des Evangeliums ist. Das ist eine verbreitete Praxis der Ostkirche, dieses Gebet ohne unterlass zu beten – bis es wirklich zum Gebet des Herzens wird. Das heißt, dass das Herz von sich alleine dieses Gebet mit jedem seinem Schlag

 wiederholt – Tag und Nacht, und alle Gedanken richten sich auf den Herrn Jesus Christus.

Viele Menschen fragen, warum müssen wir die ganze Zeit wiederholen, dass wir Sünder sind? Sind wir nicht erlöst? Wurden uns unsere Sünden nicht vergeben? Die Antwort auf diese Frage ist ganz einfach: Die Bewusstsein unserer Sündhaftigkeit ist die absolute Voraussetzung um die Gnade, die die Fülle aller Dinge ist, zu empfangen. Denn es gibt nur zwei Arten von Menschen – die Sünder und die Gerechten. Die Gerechten brauchen selbstverständlich keine Gnade. Die Gnade brauchen nur die Sünder, die keine Werke vollbracht haben, die keine Rechte haben, die nur auf Gott und Seine unendliche Barmherzigkeit hoffen dürfen.

Solange wir noch auf uns selbst zählen können, solange wir noch denken, wir seien keine schlechte Menschen und in der Lage sind, reinherzig etwas Gutes zu vollbringen, versperren wir den Weg für die Gnade Gottes mit unserem eigenen Stolz. Gott und Stolz können nicht zusammen existieren. Es ist immer entweder oder. Das ist der Grund, warum Gott in den Schwächen wirkt, warum das Himmelreich den Armen gehört, warum das, was für den Menschen unmöglich ist, wird für Gott möglich.

Ja, das was für den Menschen unmöglich ist, ist für Gott möglich. Das bedeutet, dass erst wenn wir an die Grenzen unserer Möglichkeiten stoßen, wenn wir endlich „nein, ich kann nicht“ nicht nur sagen, sondern mit unserem ganzen Wesen spüren und erkennen, erst dann kann Gott das Unmögliche vollziehen. Denn die Wahrheit ist, dass ohne Gott können wir NICHTS tun. Das ist unsere Illusion und Selbstbetrug, dass wir irgendetwas selbst vollbringen können.

Uns selbst als Sünder anzusehen, die in sich selbst keine Hoffnung haben, die nichts verdient haben und nichts vollbringen können, sondern gänzlich auf die Gnade Gottes angewiesen sind, bedeutet uns selbst so zu begegnen, wie wir wahrlich sind. Das bedeutet aufhören zu spielen, aufhören auf sich selbst zu verlassen, aufhören an Gott und anderen Menschen Forderungen zu stellen – kurz gesagt, aufhören stolz zu sein.

Und an dieser Stelle öffnet uns die ganze Kraft des Evangeliums – eben weil wir Sünder sind, dürfen wir die Gnade empfangen! Eben weil wir schwach sind, kann Gott in uns und durch uns mit Seiner Kraft wirken! Eben weil wir nichts sind, kann Gott in uns alles sein! Eben weil für uns nichts möglich ist, kann Gott in uns und durch uns das Unmögliche vollbringen! Eben weil wir krank sind, kann uns Gott heilen. Und eben weil wir verloren sind, kann Gott uns finden und zum ewigen Leben führen!

Das Jesus Gebet führt uns direkt an die Quelle der Gnade. Die mächtigen Flüsse des lebendigen Wassers durchdringen die Seele des betenden Menschen – zuerst kaum bemerkbar. Aber mit jedem Tag wird die trockene und lebelose Wüste unserer Seele gewässert, bis sie aufersteht und auflebt und sich in den Garten Gottes verwandelt. Das lebendige Samenkorn, begraben unter dem Felsen des Stolzes und der Weltlichkeit schlägt sich durch und wird zum lebendigen Baum des Lebens. Unendliche Freude und ein jedes Verstand übersteigender Frieden werden zum Teil des Menschen, wer das Jesus-Gebet zum Gebet seines Herzens macht.

Bemerkung: Wer das Jesus-Gebet lernen möchte, braucht jedoch unbedingt einen geistlichen Begleiter. Für die Ostkirche ist es selbstverständlich, denn das christliche Leben ohne geistlichen Begleiter und Beichtvater einfach undenkbar ist. Die Ostkirche lehrt, dass der spirituelle Weg des Christentums ohne geistlichen Begleiter schlicht unmöglich ist. Aber im Westen ist es leider nicht immer der Fall. Deswegen war das wichtig, in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen.

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