Gib jetzt nicht auf!

„Wenn wir aufrichtig wollen zu unserem Schöpfer zu kommen, dann müssen wir gemäß dem geistlichen Gesetz daran arbeiten, unsere Seelen von ihren Leidenschaften zu befreien. Wegen unseren bösen Taten, wegen Nachgeben den Leidenschaften, wegen vielerlei teuflischen Versuchungen ist die Kraft unseres Verstandes schwach geworden und die guten Züge unserer Seelen erstarrten. Wegen der Leidenschaften, die wir befriedigen, sind wir nicht mehr fähig die Schönheit und das Verlangen unserer geistlichen Natur zu erkennen. Und es gibt für uns keine andere Rettung, als nur in Jesus Christus, unserem Herrn, wie es auch der Apostel Paulus schreibt: „So wie in Adam alle sterben, so in Christus werden alle lebendig“ (1 Kor 15,22). Unser Herr Jesus Christus ist das Leben der ganzen bewussten und denkenden Schöpfung, die nach Seinem Abbild geschaffen worden sind.

Wir nennen uns mit den Namen von Heiligen und sind in ihre Kleidung eingekleidet, mit der wir uns rühmen vor den Ungläubigen. Aber der Fleiß ihnen auch nachzuahmen haben wir nicht. Ich befürchte, dass die Worte, die der Apostel gesagt hat, auch für uns wahr werden können: „die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2 Tim 3,5). Möge Gott euch helfen zu erkennen, was ist das für ein Leben, das ihr empfangen habt, damit ihr in ihrem Geiste handelt, damit ihr würdig werdet, das unsichtbare Erbe zu empfangen. Mit so viel Kraft wie ihr nur habt, handelt in allem dem Willen Gottes entsprechend – das ist das, was wir machen müssen! Weil in der Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu handeln unserer Natur entspricht und darüber hinaus braucht man von den Tugenden nichts mehr verlangen. Wer Gott dient und Ihn sucht, der handelt seiner Natur entsprechend. Und wer sündigt, der verdient Tadel und Zucht, weil er etwas macht, was seiner Natur widerspricht“ (hl. Antonius der Große, Philokalia, russ. 35-36).

Nur derjenige, der die ersten, wackeligen Schritte auf dem Weg der Metanoia gemacht hat, wird wissen, wovon der hl. Antonius hier spricht. Wie schwach und widerspenstig ist unser Verstand geworden, wie ungehorsam sind unsere Gedanken, was schwer ist es, uns sogar für wenigen Minuten auf Gott und Gebet zu fokussieren und zu konzentrieren. Geistlich und mental gesehen sind wir dem Mann in Bethesda (Joh 5) ähnlich,  der schon 38 Jahre von Schwachheit gelähmt ist. Er sieht wie die Engel das Wasser bewegen, er sieht die Chance gesund zu werden – aber er ist zu schwach. Er kann nicht ins Wasser kommen. So liegt er nur ein paar Meter von seiner Erlösung, vom ganz neuen und gesunden Leben entfernt. Aber was hilft das ihm? Erst wenn der Herr kommt und ihn heilt, beginnt das Leben voller Kraft für diesen Menschen. Oder wie der Lazarus, der zwar zurück zum Leben gerufen wurde, ist aber immer noch mit den Leichtüchern an Händen und Füßen und Kopf gebunden, so dass er einerseits wieder lebt, kann sich aber weder frei bewegen noch sehen oder sprechen. Und erst als der Herr spricht und sagt, Lazarus möge befreit werden, kann er sich bewegen und sehen und sprechen. Aber alle diese Menschen machten alles, was in ihrer Kraft war, um den Willen Gottes zu erfüllen. 38 Jahre lang versuchte der Kranke ins Wasser zu kommen, als die Engel es bewegt haben. Er kam immer zu spät. Aber er gab nicht auf. Und jedes Mal versuchte er das. Und Lazarus, wie unbequem es für ihn auch war, horchte auf die Stimme Gottes und versuchte sein Grab zu verlassen, auch wenn er immer noch an Händen und Füßen gebunden war. Und so müssen auch wir niemals aufgeben, den Willen Gottes zu erfüllen. Wir fallen immer wieder, aber das ist nicht das Problem, denn so lange wir noch leben, können wir uns umkehren und Buße tun – und vergeben werden. Denn Gott eilt sich Seine Kinder von jedem Schmutz zu reinigen, wie eine liebende Mutter es auch macht. Wir müssen nur unsere Sünden aufrichtig bekennen, uns umkehren, die Orte und die Situationen, die uns zum Fall bringen weiträumig meiden. Das lernen wir auch. Denn jede Sünde ist immer Schmutz und Wunden. Waschen wir sie nicht rechtzeitig ab, drängt sie unter die Haut, kommt ins Organismus und verursacht Krankheiten und Tod. In der Sünde zu bleiben, nicht einmal zu versuchen von ihr zu heilen, das ist tödlich, das ist das echte Problem.

Wir müssen lernen, alles was wir denken, alles was wir machen und sprechen, in der Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu machen. Denn der Wille Gottes ist gütig und vollkommen. Wir müssen unseren Verstand trainieren und üben, bis wir von unserer Schwachheit geheilt werden, bis wir wieder stark in unserem Herrn Jesus Christus werden. Und das dürfen wir wissen: Gott lässt Seine Kinder niemals ohne Antwort und ohne Hilfe. Er eilt zu uns wenn wir Ihn rufen. Er liebt uns. Und Ihn zu lieben und mit Ihm zu leben und Seinen heiligen Willen zu erfüllen ist genau das, wofür wir auch geschaffen wurden. Alles anders macht im Leben einfach keinen Sinn. Weder in diesem noch in der Ewigkeit. Wenn wir bloß uns selbst erkennen, uns selbst finden, werden wir das verstehen, erkennen und gleichzeitig Gott und den Sinn des Lebens finden. Erkenne dich selbst! Gib jetzt nicht auf! Denn die Hilfe Gottes ist da, um dir zu helfen, zu heilen und zu erlösen.

 

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Warum ist es schwer für einen Reichen ins Himmelreich zu kommen

Jesus Christus lehrt, dass es so gut wie unmöglich für einen reichen Menschen ins Himmelreich zu kommen. „Für den Menschen ist es unmöglich“, spricht der Herr. Das Himmelreich gehört den „Armen im Geiste“, den Menschen, die so wie die Kinder geworden sind. „Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Aber wo ist das Problem mit den reichen Menschen und warum müssen wir wie die Kinder werden, um in das Himmelreich zu kommen? Wer ist ein „reicher Mensch“?

Nun, das Problem mit dem reichen Menschen ist, dass er schon viel zu viel mit den anderen Dingen beschäftigt ist. Er muss viele Sachen erledigen, er muss sich um viele Sachen kümmern. Der Reichtum, wie wir es wissen, ist wie ein Schneeball – es muss immer größer werden, sonst löst es sich auf. Gier spielt dabei natürlich auch eine sehr große Rolle. Und Stolz. Man will immer „höher“ kommen, immer mehr „sich leisten können“, immer mehr Komfort und Bequemlichkeit erriechen. Man ist gezwungen sich immer mit den anderen Menschen zu vergleichen und so wie auf einer Rennbahn, zu versuchen immer größeren Abstand von den anderen zu gewinnen, mit allen Kräften nach Vorne zu kommen, andere Menschen und veraltete Dinge zu überholen. Der Talmud lehrt, dass wenn wir das menschliche Auge, (das Gier), auf den einen Waageschale legen und den ganzen Reichtum der Welt auf den anderen, wird das Auge alles überwiegen.

Ein reicher Mensch ist eigentlich jeder, der sich mehr mit den weltlichen als mit den göttlichen Dingen beschäftig, jemand, der so lebt, als er auf der Erde ewig leben würde und als ob es keine Ewigkeit gebe. Gott ruft dagegen Seine Kinder wie „Vorübergehenden“ in diesem Leben zu sein. Wie Reisende, die hier nur für eine kurze Zeit sind zu leben. Ein guter Reisender weiß wie wichtig ist es, sein Gepäck so leicht wie möglich zu machen, wenn er es immer selbst tragen muss.  Das eigentliche Problem liegt eigentlich nicht darin, was man besitzt – wobei wir können in diesem Leben gar nichts besitzen, nicht einmal uns selbst und schon gar nicht unser Leben – sondern welche Priorität die irdischen Angelegenheiten haben. Irdisch bedeutet das „Äußere“. Und mit dem Äußeren versucht der Mensch immer wieder das Innere zu kompensieren, was natürlich gänzlich unmöglich ist. So baut man ein großes Haus und übersieht dabei, dass das Familienglück nicht von der Hausgröße abhängig ist. Das Glück kann man nur mit sich bringen, man wird es mit den äußeren Umständen niemals erzeugen. Man kauft sich bestimmte Kleidung, um seinen äußeren Zustand den anderen zu signalisieren. Aber alles was die anderen Menschen sehen ist und bleibt seine Kleidung und nicht er selbst. Komischerweise, je reicher man wird, desto unglücklicher wird man auch. Denn die äußeren und vergänglichen Dinge werden sein Leben früher oder später ruinieren, wie die Motten seine Kleidung.

Der Mensch „kleidet“ sich in die materiellen Dinge ein, in seine äußerlichen Erfolge und Ehrentiteln, sie werden zu einem Mantel, der seinen wahren und inneren Kern von den anderen verbergen, ihn unsichtbar machen. Die weltliche Liebe, die natürlich keine Liebe ist, sieht auch nur die äußeren Dinge. Der Mensch wird von dem anderen nur noch sehr selten erkannt. Und ohne den anderen Menschen zu erkennen, kann weder Liebe und Freundschaft geben.

Die meisten reichen Menschen leben nur auf der Erde und zeigen ganz deutlich mit ihrem Leben, dass sie am Himmelreich gar keine Interesse haben. Vielleicht eben deswegen wird für sie ins Himmelreich zu kommen, weil sie es gar nicht wollen, dort zu sein. Und was wäre das auch für eine Gesellschaft, in der sie sich in der Ewigkeit abfinden müssen? Arme Menschen, reumütiger Sünder, Kranken und Verstoßenen, die „Verlierer“ dieser Welt, die beim Herrn ihre Heilung und Erlösung gefunden haben. Menschen, die alles aufgegeben und auf alles verzichtet haben, um Christus zu folgen. Denn auch Christus sagt: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Aber wer verliert sein Leben um Seinetwillen, wird es retten. Im Himmelreich gelten die „umgekehrten Gesetze“ – wer in der Welt verliert, der gewinnt. Ins Himmelreich kommen Menschen, die Christus so sehr geliebt haben, dass sie eher gefoltert und hingerichtet werden wollten, als ihre große Liebe zu leugnen und zu verlieren. Weil das Leben ohne ihren Geliebten, ohne Christus, es nicht wert war, zu leben. Diese Menschen haben alles, was sie hatten, den Armen und Bedürftigen gegeben, sie haben sich veräußert, sie haben ihr ganzen irdischen Besitz in die himmlische Bank investiert – sie haben hier auf der Erde die himmlischen Schätze gesammelt. Und wenn sie „die Perle vom großen Wert“ gefunden haben, waren sie bereit alles zu verkaufen, um nur diese Perle – Christus – zu haben. Wie würde ein reicher Mensch, der immer versuchte sich von den anderen Menschen zu trennen und sich von den anderen Abzugrenzen, in so einem Himmelreich sich fühlen? Und so erwählt für sich der Reiche ganz freiwillig die Hölle – wo er auch weiter unter der selben Art von Menschen die Ewigkeit verbringen wird – gierigen, hassenden, konkurrierenden, wo jeder „besser“ als der andere sein will, wo jeder versucht die „Konkurrenz abzuschießen“, bereit ist über die Leichen zu gehen, um nach vorne zu kommen. Ein Ort, wo keine Liebe, kein Mitgefühl gibt. Nur Konkurrenz und Wettbewerb und sich mit den anderen Menschen zu vergleichen. Ein Ort, an dem Menschen für einander keine Zeit und kein Ohr haben – sie sind alle furchtbar beschäftigt, ihr Geschäft muss ja weiter gehen und sie müssen dafür sorgen, dass sie ihr Lebensstandard erhalten können und bloß nicht nach unten abrutschen.

Und die Bedingung ins Himmelreich zu kommen ist, Gott den Herrn mit dem ungeteilten, ganzen Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft und ganzem Verstand zu lieben. Und seinen Nächsten wie sich selbst. Ein reicher Mensch hat im besten Falle dafür einfach keine Zeit. Aber die Armen im Geiste haben Zeit und Möglichkeit. Sie sind frei, weil sie nichts zu verlieren haben. Sie haben nichts, also müssen sie auch nichts verteidigen. Alles wird ihnen von Gott geschenkt. Und deswegen sind sie frei zu lieben, sie selbst zu verschenken und geliebt zu sein – denn Gott sie zu Seine Kinder gemacht. Diese Menschen sind verliebt in Gott, weil Gott auch in sie verliebt ist. Am Anfang schenkte Gott dem Menschen Sein Paradies, Seine Welt, mit allen Bergen und Meeren, Wäldern und Feldern, Tieren, Fischen, Wasserfällen. Und danach schenkte Gott dem Menschen Sich Selbst – indem Er, der Schöpfer des Universums uns sich Selbst als kleines, hilfloses Kind, geboren in Bethlehemer Krippe, anvertraut hat. Und später für uns gestorben und auferstanden ist.

Fortsetzung folgt …

 

 

 

 

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Christ als lebendiges Opfer

Der heilige Apostel Paulus schreibt an die Christen in Rom: „Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist. Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes, dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene“ (Röm 12, 1-2). Und so schreibt Pawel Florensky: „Der Apostel ermahnt Christen ihre Leiber Gott zu opfern. Sich zu opfern bedeutet der Dienst des Wortes, Menschen die Gabe des Wortes empfangen können und damit als Zeugen der Wahrheit dienen können. Denn der Christ spricht mit seinem Leib. Der Apostel erklärt ferner auch, was das bedeutet, sich als Opfer Gott zu bringen. Das bedeutet natürlich nicht das äußere Märtyrertum, im modernen Sinne des Wortes – Folter und Tod. Allein deswegen, weil zum Märtyrertum die Christen verurteilt werden, das Märtyrertum in diesem Sinne wird für die Christen von den Menschen entschieden, die sie für diese Art des Todes verurteilen und ihre Verurteilung ausstrecken. Das hängt deswegen nicht von einem Christen ab, seinen Leib für diese Art des Märtyrertums zu bringen oder nicht. Das, was jedoch von jeden Christen abhängig ist, ist dem Worte des hl. Apostel gehorsam zu sein und es zu erfüllen: „Und seid nicht gleichförmig dieser Welt“. Seid nicht „ähnlich“ dieser Welt. Was der Apostel sagt: „Habt keine gemeinsame Schema mit dieser Welt, habt keine gleiche Art des Seins mit dieser Welt, lebt nicht so wie diese Welt in ihrem derzeitigen Zustand lebt“. Das ist eine negative Formulierung – was wir nicht tun sollen. Die positive Formulieren – was wir tun sollen – ist: „sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes“ – „álla metamorphosthe“, verändert, verklärt, verwandelt die Art des Seins, das Gesetz, die kreative Form. Und was verwandelt die weltliche Form in die verklärte, geistliche Form des Lebens und des Seins? Der Apostel spricht: Verwandelt euer Denken. Die Verwandlung und die Verklärung des Leibes erreichen wir durch die Verwandlung und die Verklärung des Sinnes – als Kern des menschlichen Seins. Als Zeichen für den erneuerten Sinn dient die Prüfung des Willen Gottes. Mit den anderen Worten, den eigenen Leib als Opfer Gott zu bringen bedeutet die geistliche Feinfühligkeit in der Erkenntnis des Willen Gottes – das Gute und Wohlgefällige („agathon“) und Vollkommene“.

Deswegen ist die Umkehr – „Metanoia“ – die tiefe und radikale Veränderung und die Umkehr des gesamten Denkens des Menschen, seiner Wahrnehmungen, seines Sinnes ist der allererste Schritt auf dem Weg der Nachfolge Christi ins Himmelreich, das unter uns und in uns ist, und ist gleichzeitig der lebenslange Prozess. In diesem Prozess wird unsere Seele gereinigt und geläutert – und Gott erfüllt sie, so viel, wie sie es nur fähig ist zu empfangen. Das beginnt eine lebenslange und die spannendste aller Reisen – der Weg mit Gott, der Weg der Nachfolge Christi. Das ist der Weg der Liebe, denn wir der hl. Gregor von Nyssa schreibt: „Die Erkenntnis verwandelt sich in die Liebe“. Das ist so wahr und nicht nur im Bezug auf die Beziehung mit Gott, sondern auch auf jede zwischenmenschliche Beziehung – erst wenn wir den anderen Menschen erkannt haben, können wir auch sagen, dass wir ihn lieben.

„Jeder Mensch wird gerettet entsprechend den geistlichen Umständen seiner Zeit“, lehren die Starzen vom Berg Athos. Das ist der Grund, warum auch heute das monastische Leben nicht nur in sich selbst schließen darf und sich um den Rest der Welt nicht zu kümmern. Eine der wichtigsten Aufgaben des Mönchstums heute ist den Menschen dort abzuholen, wo er ist, ihm zu helfen, ihn so anzunehmen, wie er ist. Der fatalste Fehler, den viele monastischen Gemeinschaften heute machen ist jedoch die, dass sie selbst weltlich werden und an die weltlichen Mittel greifen. Und kein Wunder, dass sie auch so teuer dafür bezahlen und ein Kloster nach dem anderen wird geschlossen, es kommen keine neuen Menschen. Kein Wunder. Menschen die eine monastische Berufung in sich verspüren wollen keinesfalls in einem Kloster dieselbe Welt finden, die sie so eifern sind zu verlassen. Das Kloster ist ein Krankenhaus der Seele, wie es vielen heiligen Vätern nennen. Hinter seinen Wänden müssen die Krankheiten der Seele behandelt und geheilt werden, nicht verbreitet und akzeptiert. Das Kloster heute ist immer noch ein Ort, an dem das Volk Gottes geformt wird, wo es wächst. Mit dem tiefsten Verständnis dessen, dass der Wille Gottes ist, die Welt zu retten. Gott will die Rettung von so vielen Menschen wie überhaupt möglich. Er will nicht dass sogar ein einziger verloren geht. Deswegen dürfen die klösterlichen Gemeinschaften auch nicht sich in die elitären Clubs verwandeln, die sich (wenn überhaupt) nur um ihre eigene Rettung kümmern. „Du sollst um die Rettung anderer Menschen mindestens genau so eifrig beten, wie über deine eigene“ schreibt hl. Johannes von Kronstadt. Wer die Welt verlässt und ein Mönch wird, wird es nicht weil er die Welt hasst. Er verlangt viel mehr danach, die Sünde und die weltliche Wahnsinn zu verlassen. Und im Kloster die Begleitung zu finden und das Leben zu leben, das erlaubt Gott seine Seele zu reinigen und in ihm das Licht des Ewigen zu entzünden, damit „es allen leuchtet“ (Mt 5,16).

Ich denke, dass das Kloster in unserer Zeit schon wieder eine entscheidende Rolle spielen wird – die Welt ist voll mit Versuchungen und mit den Gelegenheiten die an die Sünde führen. Für einen Menschen, der sich wirklich um seine Seele und um ihre Rettung kümmert in der Welt zu bleiben und versuchen christlich zu leben und Christus zu folgen bedeutet mehr oder weniger mit den Windmühlen zu kämpfen. Wir brauchen deswegen dringend die Worte, wo das christliche Leben sich frei entfalten kann, wo die zarte Pflanze der Umkehr nicht sofort einbetoniert wird. Es ist wahnsinnig, ein Säugling auf der Straße allein zu lassen und von ihm erwarte, es komme schon klar, es sei nicht so schlimm. Genau das passiert, wenn die Menschen heute versuchen die ersten Schritte der Nachfolge Christi und der Umkehr in der Welt zu gehen. Das Kloster wird schon wieder zum Zentrum der seelischen Gesundheit, der Seelsorge im feinsten Sinne des Wortes, zum Zentrum des Lernens und des Betens und der sinnvollen Arbeit – in der Körper, Seele und Geist integriert sind und harmonisch bleiben – das ist der Weg zur Ganzheit des Menschen. Ein Ort, an dem der einzig gute Wille erkannt wird und an dem die Menschen sich tatsächlich als lebendige Opfer Gott bringen und als lebendige Steine im Tempel, im Leib Christi eingepflanzt werden.

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Maske – Gesicht – Antlitz

Die Bibel trennt ganz klar zwischen dem Abbild Gottes und der Ähnlichkeit Gottes und die heiligen Väter erklären das: unter dem Abbild Gottes verstehen wir den aktuellen menschlichen Zustand – das ontologische Geschenk Gottes an den Menschen, den geistlichen Kern jeden einzelnen Menschen. Die Ähnlichkeit Gottes ist jedoch das Potenzial, die geistliche Fähigkeit der Vollkommenheit, die Kraft, die die ganze empirische Persönlichkeit gestalten kann, sie an die Vollkommenheit bringen, damit der Mensch tatsächlich zum Antlitz, zum Angesicht Gottes – in seinem gesamten Wesen, in seinem Leben, in seiner Persönlichkeit – werden kann.  Und auf diese Weise kann der Mensch Gott der Welt offenbaren, oder auch Gott offenbart sich durch den Menschen. Dann bekommt das Gesicht seine eigentliche, konkrete und wahre geistliche Gefüge, die das Gesicht nach dem Abbild Gottes von einem normalen Gesicht unterscheidet. Wenn der Geist Gottes die menschlichen Hülsen durchbricht, wird das Gesicht zum Angesicht, zum Antlitz. Das Antlitz ist die Ähnlichkeit Gottes die sich im Gesicht wahr geworden ist. Wenn wir die Ähnlichkeit Gottes sehen, können wir auch sagen: siehe, hier ist das Antlitz Gottes.  Wenn wir daran denken, dass das Antlitz auf Griechisch „Idee“ heißt, werden wir verstehen, dass das eben der Sinn des Antlitzes ist: die Offenbarung des geistlichen Kerns und Daseins, Antlitz des ewigen Sinnes, der überhimmlischen Schönheit einer bestimmten Realität, ihrer höheren Prototypen, eines Strahles, der aus der Quelle des Lichtes fließt.

Das Gegenteil des Antlitzes ist die Persönlichkeit. Die ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes bedeutet „die Maske“ – „Larva“, eine Ähnlichkeit einem Gesicht, etwas was einem Gesicht ähnlich sein soll, etwas was sich als Gesicht angibt und bleibt jedoch innerlich leer so wie im Sinne des physischen Daseins genau so wie im Sinne der metaphysischen Substanz. Das Gesicht ist die Offenbarung einer gewissen Realität und wird von uns genau so verstanden, als ein Zwischenglied zwischen dem Erkennbaren und dem Erkennenden. Ohne diese Funktion, ohne diese Offenbarung der äußeren Realität hätte das Gesicht überhaupt keinen Sinn gehabt. Und das Gesicht wird negativ, wenn statt uns das Antlitz Gottes zu offenbaren, macht gar nichts für uns in diese Richtung und was noch viel schlimmer ist, betrügt uns und zeigt uns Dinge die nicht existieren. Das wird das Gesicht zu einer Maske. Wenn wir dieses Wort heute anwenden, wollen wir uns klar davon distanzieren, wie dieses Wort in den antiken Zeiten gebraucht wurde und welchen Sinn den Worten „Larva“, „Persona“, „Prosopon“ und so weiter in den antiken Zeiten zugeschrieben wurden. Damals waren die Masken gar keine Masken, so wie sie heute verstehen, sondern sie waren eine Art der Ikonen. Wenn jedoch alles was sakral war auseinanderfiel und alles was heilige war, verweltlicht wurde, wurde die Maske im modernen Sinne des Wortes geboren – mit den anderen Worten, ein Betrung und eine Täuschung. Etwas, was in der Wirklichkeit nicht existiert, ein mystisches Plagiat, das sogar in seiner unschuldigsten Erscheinung einen Beigeschmack des Schreckens hat.

Das ist charakteristisch, dass schon die Römer dem Wort „Larva“ die Bedeutung der astralen Leichen verliehen haben. Von etwas was „leer“ ist – „inanis“, eines substanzlosen Klischees, einer dunklen, vampirischen Kraft, die nach einem lebendigen Gesicht sucht im Durst nach neuem Blut und Leben. Die vampirische Kraft die an ein lebendiges Gesicht klebt und angibt dieses Gesicht als wäre es ihr eigenes.

Das Böse und das Unreine hat jedoch keine wahre Existenz, weil nur was gut und göttlich ist, ist auch real. Der Satan wurde in den Mittelaltern „Gottes Affe“ genannt und der Versucher hat den ersten Menschen versprochen, sie werden „wie Götter“ – als keine Götter, sondern nur „wie“, dass sie quasi eine täuschende „Erscheinung“ von Göttern werden können. Deswegen können wir auch über die Sünde als über eine Affe, eine Maske, einer äußerlichen Erscheinung sprechen, die jedoch jede eigene Substanz, eigene Kraft  und eigene Realität mangelt. Die Sünde bringt ins Antlitz Gottes im Menschen – in diese reinste Offenbarung Gottes – etwas Fremdes, etwas Unvereinbares mit diesem geistlichen Anfang und verschleiert das Licht Gottes. Das Gesicht ist das Licht, vermischt mit der Finsternis, das ist uns Körper, an verschiedenen Stellen verwundet und deswegen die ganze Schönheit unerkennbar wird. Je mehr die Sünde nimmt den Menschen in ihre Gewalt und das Gesicht aufhört ein  Fenster zu sein, durch das das Licht Gottes leuchten kann, und wird mit mehr und mehr Schmutz auf seinen eigenen Glasscheiben gekleckert, trennt sich das Gesicht von dem Abbild Gottes, vom kreativen Anfang des Menschen, verliert das Leben und wird eingefroren oder versteinert – wie eine Maske der Leidenschaft, die über dem Menschen gesiegt hat. Auch Dostojewski schreibt über eine Maske aus Stein statt eines Gesichts – das ist eine der Stufen des spirituellen Auseinanderfallens des Menschen.

Die spirituelle Entwicklung, ganz im Gegenteil, erleuchtet das Gesicht – erfüllt es buchstäblich mit dem Licht. Das Gesicht wird zum wahren Porträt des wahren Selbst, zum idealen Porträt, geschafft aus dem lebendigen Material, angefertigt vom Art aller Arten. Askese gehört zu dieser Kunst. Und der Asket beweist und bezeugt über die Wahrheit nicht mit seinen Worten, sondern nur mit sich selbst. Er braucht nicht zu argumentieren, er braucht nicht auf die Realität hinzuweisen – er selbst ist die Realität. Und dieses Zeugnis ist wirklich auf dem Gesicht des Asketen geschrieben. „So leuchtet euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16). „Eure guten Werke“ sind gar keine „guten Werke“, wie sie in so viele Sprachen übersetzt werden, die bedeutet keine Philanthropie, kein Puritanismus, keine Moral, sondern „umon ta kala erga“, was bedeutet, eure „wunderschönem Werke“, eure lichtbringenden Werke, die harmonische Erscheinung eures spirituellen Daseins, aber vor allem euer lichtvolles, wunderschönes Gesicht, ein Gesicht das das innere Licht Gottes ausstrahlt und verbreitet – und eben nur dann die Menschen, erleuchtet mit diesem Licht, werden den Gott Vater preisen, wessen lichtvolles Antlitz sie auf dieser Erde erblicken können.

(Nach Pawel Florensky)

 

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Orthodoxer Glaube – Umkehr und Gebet

Orthodoxie ist nichts anders als eine christliche spirituelle Tradition. Es geschah schon mehrmals, als der orthodoxe Glaube nur noch von einzelnen Menschen bewahrt wurde, die von den Verfolgungen und Repressionen geschont wurden. Zwei Aspekten charakterisieren wohl am besten die orthodoxe spirituelle Tradition. Die Atmosphäre der wahren Umkehr und Buße ist das allererste was charakterisiert und unterscheidet die Orthodoxie von den anderen religiösen, christlichen Traditionen. Und dann das Gebet. Mit der Aufforderung zum ununterbrochenen Gebet des Herzens, die Tradition von Jesus Gebet, die Welt der Ikonen mit ihrem stillschweigendem Gebet, die stille Kontemplation und Betrachtung. In der Orthodoxen Tradition bedeutet das Gebet meine uneingeschränkte Eröffnung vor Gottes Angesicht. Das Gebet verbindet die Seele mit Gott wie die Wurzel eines Baums verbinden sich mit der Erde. Gebet ist das Eintauchen in die unergründlichen Tiefen der Barmherzigkeit Gottes und die Verschmelzung meines Willens mit Seinem Willen, mit einem einzigen Verlangen nach „Dein Wille geschehe“. Das Gebet ist ein Ausbruch der Freude, oder ein einfacher Blick, ein zum Himmel aufgerichtetes Seufzen, ein Ruf der Dankbarkeit und der Liebe, in der Zeit der Prüfungen wie auch in der Zeit der Freude.

Und in der Tat, über welchen Bitten kann es noch in meinen Gebeten gehen, wenn mein himmlischer Vater weiß, was ich brauche, noch davor als ich Ihn danach fragen kann (Mt 6,8)? Im Gebet bringen wir unsere Geliebten und unsere Feinde, wir anvertrauen uns alle unserem allmächtigen und gütigen Vater. Und wir können Ihn auch über alles bitten, bloß nicht danach, dass zwei mal zwei nicht mehr vier wird. Gott hat für uns schon alle Seine guten Gaben bereitet und geschenkt. Das ist das Gebet, das uns lehrt die Hände ausstrecken und Seine Gnade zu empfangen. Wir erkennen, dass das einzige Böse nur die Sünde ist. Das ist die Sünde, die uns nur im Wege stehen kann. Aber auch dann wissen wir, dass jede Sünde durch die Umkehr und Buße getilgt werden kann – damit wir wieder von Gott rein und heilig stehen dürfen.

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Kirche und der Weg zu Gott

Kirche ist die eucharistische Versammlung von Berufenen. Diese Menschen haben die Frohe Botschaft gehört und angenommen und haben ihr auch gefolgt. Sie glauben an Gott, den Schöpfer von Himmel und Erde, von allen sichtbaren und unsichtbaren Dingen. Sie glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes. Er ist das Leben, die Wahrheit und der Weg. Das ist vielleicht einer der wichtigsten Unterschiede zwischen dem Christentum und allen anderen Religionen. Für einen Christ sind Leben, Wahrheit und Weg nicht „was“ sondern „wer“. Und dieses Glaubensbekenntnis bedeutet immer eine persönliche Begegnung und daraus folgende persönliche Beziehung. An „was“ kann man intellektuell glauben, darüber nachdenken und so weiter. Ein „wer“ verlangt aber immer eine Begegnung, die den Menschen gänzlich involviert. Vielleicht deswegen ist das allererste und allerwichtigste Gebot Gott zu lieben mit unserem ganzen Herzen, unserer ganzen Seele, unserer ganzen Kraft und unserem ganzen Verstand. Gott lieben. Nicht all das, was Gott uns täglich schenkt. Sondern Ihn selbst zu lieben – mehr als alles anderes.

Eben diese persönliche Bewegung mit der personifizierten Wahrheit allein kann den Menschen zur Umkehr bewegen.  Wir kehren uns um, wir machen einen U-Turn auf unserem Lebensweg, weil wir erkannt haben, dass unser Weg uns von Gott entfernt, statt an Ihn zu führen. Das erklärt die Natur der Sünde, die immer eine Illusion ist. Wir nehmen uns etwas und glauben, dass das uns glücklich machen kann. Aber das macht uns niemals glücklich. Eine Sünde ist immer etwas, was am Endeffekt sich nicht lohnt. Eine Täuschung, eine Illusion, eine Lüge. Wer Christus begegnet hat, der hat die Wahrheit begegnet. Und wendet sich natürlich von der Lüge und von der Illusion – von der Sünde – ab und folgt der Wahrheit – Jesus Christus. Und Er führt den Menschen in Seine Kirche, die nichts anders als Sein eigener Leib ist. Menschen, die alle sehr unterschiedlich sind, kommen und werden ganz natürlich und organisch zum Teil Seines Leibes, nicht weil sie gemeinsam an ein Dogma geglaubt haben, sondern weil sie alle, gänzlich unabhängig von einander, dieselbe persönliche Begegnung mit Christus hatten. Diese Begegnung ist immer eine persönliche Begegnung, weil Christus eine Person ist. „Kollektiv können nur Irrlehren, Verurteile und Phobien sein“, schreibt Vater Georgi Chistiakov, „Wahrheit, dagegen, ist immer persönlich“. Aber diese persönliche Erfahrung bringt diese Menschen in eine kollektive Glaubens- und Schicksal -Gemeinschaft zusammen. Erst zusammen werden sie zur Glieder Seines Leibes, zum heiligen und erlösten Volk Gottes.

Die Tragödie unserer Zeit liegt hauptsächlich darin, dass der Mensch heute nicht Gott entdeckt, sondern für sich seine Religion „wählt“ , wie Cornflakes in einem Supermarkt. Die Religion für den modernen Menschen eröffnet sich nicht in seinem Inneren. Sie ist für ihn viel mehr ein Teil der äußeren Welt und nicht seiner Seele. So fasste das C.G. Jung zusammen: „… der Mensch versucht für sich eine Religion auszusuchen, wie er sonst seinen Sonntagskleid aussucht, um es am Ende wieder auszuziehen und wegzuwerfen wie ein altes Kleiderstück“. Während der moderne Mensch für sich eine Religion auswählt, die für ihn am besten passt, die seiner eigenen Überzeugungen und eingeeigneten Mustern nicht widerspricht sondern am besten sie bestätigt, ihm dient und am besten von ihm gar nichts abverlangt, war die Situation mit den Aposteln ganz anders. Auf die Frage Christi, ob seine Apostel Ihn verlassen wollten, antwortete Petrus: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes“ (Joh 6,68).

Religion als Ritus, als ein Brauch, als etwas Zeitliches und Historisches ist verurteilt auf den Untergang, schreibt weiter Vater Georgi Chistiakov. Es sieht gänzlich anders mit dem freien, lebendigen und absurden Glauben, der uns vom Oben geschenkt wird. Der Glaube ist nicht auf unserer Wahl gegründet, sondern auf unserer Feinsinnigkeit, auf unserem Gehör, weil Er steht vor der Tür und klopft.

Der Weg des Glaubens ist ein sehr schmaler und steiler Weg. Schon Christus hat gelehrt, dass nur wenige Menschen ihn finden. Diesen schmalen Weg zu finden bedeutet jedoch noch nicht auf ihn zu gehen. Und wenn nur die wenigen ihn finden, wie viele werden auf diesem Weg ins Himmelreich denn gehen? Der Glaube macht die Dinge möglich, aber nicht einfach. Benedikt Spinoza schreibt: „Der Weg zu Gott muss auch schwer sein. Weil alles, was wunderschön ist, ist auch schwer genau so wie selten“. Und das ist auch so in der Wirklichkeit – der Weg zu Gott ist unendlich schwer, genau so wie unendlich wunderschön.

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Kyrie Eleison – Das Gebet des Herzens

Das Gebet des Herzens, „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich meiner, dem Sünder“ ist das Gebet von orthodoxen Mönche und Nonnen, wird aber auch von den Laien gebetet. Das ist ein Gebet der Beständigkeit, weil wenn wir es beten, wechseln wir nicht von einem Gedanken zum anderen. Dieses Gebet stellt uns von Gesicht zu Angesicht mit Gott und ist unser Glaubensbekenntnis; dieses Gebet bestimmt auch unsere Stellung vor Gott. In diesem Gebet, als allererstes, bekennen wir Christus als unseren Herrn, als unseren Gott und als Herr über allen Dingen und natürlich auch über unserem Leben. Das bedeutet, dass wir unser Leben Ihm gänzlich anvertrauen und wollen nur nach Seinem Willen leben und nach keinem anderen. Danach bekennen wir Sein Menschenwerden. Dann Sein Christus-Sein. Er ist der Gesalbte Gottes, der Erlöser, von wem alle Propheten gesprochen haben. Wir bekennen in diesem Gebet wer Er ist: der Sohn Gottes. Das ist nicht nur das Glaubensbekenntnis an Jesus Christus – es zeigt uns auf die Dreifaltigkeit. Er ist der Sohn des Vaters und niemand kann in diesem Prophet aus Galiläa den Sohn Gottes, als das Mensch gewordene Wort Gottes erkennen, wenn der Heilige Geist den Menschen nicht gelehrt hat Ihn zu sehen, zu erkennen und Ihm anzubeten. So dürfen wir vor Gott stehen und Ihn in der Wahrheit durch den Geist bekennen. Und schließlich: erbarme Dich meiner – die Übersetzung von Griechischen „Kyrie Eleison“.

Und so haben diese zwei Worte, Kyrie Eleison, unsere heiligen Väter verstanden. Sie sahen in diesen Worten unbeschreiblich mehr, als wir heute normalerweise in diesen Worten verstehen. Das Wort „Eleison“ hat dieselbe Wurzel wie das griechische Wort für „Olivenbaum, Olive, Olivenöl“. Natürlich können wir mit diesen Worten nur um die Barmherzigkeit Gottes im Allgemeinen bitten. Aber diese allgemeine Bitte kann natürlich nicht unser Leben zusammenfassen. Und in unserer Alltagsprache haben solche Worte sowie so nur sehr wenig Bedeutung. Wenn wir jedoch dieses Wort biblisch betrachten, dann werden wir sehen, dass der Zweig eines Olivenbaums zum ersten Mal nach der Geschichte von Sinnflut erwähnt wird. Eine Taube bringt Noah einen Olivenzweig. Und war das vielleicht dieselbe Taube die über Christus während Seiner Taufe schwebte? Dieser Olivenzweig bedeutete, dass der Zorn Gottes vorbei war, dass die Vergebung als eine Gabe geschenkt wurde, dass vor uns eine neue Zeit und ein neuer Weg liegt.

Das ist die erste mögliche Bedeutung und eine Situation, die wir auf uns anwenden können. Aber wir können nicht immer auf diesem Weg gehen. Es reicht leider nicht aus, über die Zeit, neuen Möglichkeiten und Wegen zu verfügen. Wenn wir seelisch krank sind, wenn unser Wille gebrochen ist, wenn wir unfähig sind, weder mental noch physisch den Weg weder zu erkennen noch ihm zu folgen, brauchen wir Heilung. Dann können wir uns auf das Öl erinnern, das der gute Samariter auf die Wunden von armen Menschen ausgegossen hat, der zum Opfer von bösen Räubern geworden ist. Die heilende Kraft Gottes eröffnet uns die Möglichkeit zu nutzen, dass Sein Zorn weg ist, dass uns die Vergebung als ein Geschenk angeboten ist, dass Er uns Zeit, Raum und Ewigkeit, Möglichkeiten und Weg gegeben hat.

Noch ein anderes Bild bekommen wir, wenn wir an die Salbung von Königen und Priestern denken. Diese Menschen wurden aus den Söhnen Israel erwählt und an der Schwelle zwischen der Welt Gottes und der Welt von Menschen zu stehen, zwischen der Einheit und der Harmonie der göttlichen Welt und oft so sehr komplizierten und gespaltenen Welt von Menschen. Und um auf dieser Schwelle zu stehen, braucht der Mensch mehr als nur die menschlichen Fähigkeiten. Er braucht die Begabung Gottes. Als Zeichen dafür wurden Priester und Könige gesalbt. Im Neuen Testament sind wir alle Priester und Könige und unsere Berufung als Christen übersteigt beim weitem alles was ein Mensch erreichen kann. Wir sind berufen lebendige Glieder des Leibes Christi zu sein, wir sind berufen Seine Tempel auf der Erde zu sein, reine und würdige des Heiligen Geistes, die mit Gott Seine eigene Natur teilen. All das übersteigt unsere menschlichen Fähigkeiten. Aber gleichzeitig müssen wir immer Menschen bleiben, im tiefsten Sinne dieses Wortes, in dem ein Christ sieht die Menschheit geschaffen nach dem Bild des Mensch-gewordenen Sohn Gottes. Dafür brauchen wir die Gnade und die Hilfe Gottes. Und dafür steht diese Salbung als Bild für uns.

Bevor wir diese Worte: „Erbarme Dich meiner“ aussprechen, sollen wir nachdenken, was wir damit sagen wollen. Wollen wir einfach sagen: „Gott, zeige mir Deine Barmherzigkeit, Mitleid, Deine Zärtlichkeit. Gieße auf mich Deine Zärtlichkeit und Liebe“. Oder wollen wir über unsere momentane Lage nachdenken. Befinden wir uns gerade in der Tiefe eines Falls? Stehen wir vielleicht vor den unbegrenzten Möglichkeiten und sind trotzdem gänzlich unfähig irgendetwas zu unternehmen, weil wir zutiefst verwundet sind? Oder sind wir geheilt worden und stehen vor einer Berufung, die so hoch ist, dass wir davon nicht einmal träumen wagen? Aber diese Berufung kann nur erfüllt und von uns gelebt werden, wenn Gott uns die Kräfte dafür schenkt. Deswegen müssen wir uns ins Wort eintauchen lassen, sodass die Worte, die wir aussprechen, mit unseren Emotionen verbunden werden, sodass um diese Worte die ganze Tiefe unseres inneren Lebens fokussiert werden kann.

Aber wenn diese Worte, die wir im Gebet aussprechen, nicht zur Realität in unserem Leben werden, nicht darin gespiegelt werden, wie wir leben, werden sie gänzlich nutzlos bleiben und werden uns nirgendwo hinführen. Deswegen ist es völlig sinnlos Gott über die Dinge zu bitten, die wir nicht bereit sind zu empfangen. Wenn wir sagen: „Herr, befreie mich von dieser oder jener Versuchung“ und gleichzeitig suchen, mit welchen Mitteln wir am besten an diese Versuchung kommen können und damit rechnen, dass Gott uns dann aus dem entstandenen Problem an die Haare und eigentlich gegen unseren Willen rausziehen wird, haben wir sehr wenige Chance auf das Erfolg. Gott gibt uns Seine Kraft, aber wir müssen sie anwenden. Wenn wir im Gebet bitten Gott uns die Kraft zu geben, etwas in Seinem Namen zu machen, bedeutet das nicht, dass wir Gott bitten, das statt uns zu machen – weil wir viel zu willenlose sind, um selbst zu handeln.

Metropolit Antonius Blum 

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